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Gastbeitrag von Svenja Hofert: Luther der Neuzeit oder spinnerte Idealisten? Theorie und Praxis der New Work

Gastbeitrag von Svenja Hofert: Luther der Neuzeit oder spinnerte Idealisten? Theorie und Praxis der New Work

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Ich liebe sie, die Theoretiker. Jetzt haben sie wieder zugeschlagen und ein Manifest an die virtuelle Wand geschlagen. Manifest, das hört sich nach Luthers Thesen an, nach Revolution und nach unumstößlich, nach Fortschritt und Zukunft. Und auch nach: guter PR. Zur Diskussion will man anregen, eine Debatte zum neuen Arbeiten entfachen. Kritisch darf, soll es sein. Nun bin ich eigentlich alles andere als „Old School“ – und dennoch sehe ich dieses neue Arbeiten nicht nur euphorisch.

Ist es nicht so: Ein Unternehmen, Microsoft, dockt sich an eine verschworene Gesellschaft meist in Berlin ansässiger Individualisten und Flexibilisten, Postmoderner, Expeditiver und Hedonisten, die den eigenen Arbeitsstil zum Credo der New Work erheben. Ein Unternehmen möchte Luther spielen und Geschichte schreiben. Könnten ja die Kunden von morgen sein.

Waren sie jemals in der Oberpfalz? Die New Work ist dort schöne graue Theorie. New Work bildet Kleckse auf der Landkarte. Man findet sie in den Großstädten als eine Lebens- aber noch öfter Denkform. Auf das ganze Bundesgebiet, auf Österreich, die Schweiz bezogen, sind echte New Worker so selten und rar wie wirklich aktive Twitternutzer.  Aber natürlich, es werden mehr. Und jeder Anfang beginnt mit wenig, um dann immer mehr zu werden, ein irrationaler Trendlebenszyklus. Es wird als normal beschrieben, was die Ausnahme ist.  Und weil so viel beschrieben wird, denkt man, die Ausnahme sei die Regel. Ein kognitiver Bias, Verfügbarkeitsheuristik genannt, entsteht. So wird die Lebens- zur Denkform. Die Charakteristika der Generation Y, erzählte neulich die Zeit-Autorin Kerstin Bund („Glück schlägt Geld“, Murmann-Verlag) auf einem Vortrag, sie beträfen letztendlich kaum 25 Prozent ihrer Generation. Kaum 25 Prozent können es sich leisten, Flexibilität, Balance, Internet for free und „intrinsify me“ zu fordern!  Sagt Frau Bund. Ich tippe: weniger.  Es gibt wenige echte New Worker, wenige die die Zukunft der Arbeit leben - egal welcher Generation sie angehören.

Ich liebe sie, die Theoretiker, weil ich Praktikerin bin. Mein Job ist es, Menschen zu neuen Jobs und mehr Zufriedenheit in der Arbeit zu verhelfen. Bei mir treffen sich die Fundamental-Unzufriedenen und die Luxusunzufriedenen, beide immer mehr gespeist durch die mediale New Work. Die Unzufriedenheit, die ich täglich sehe, ist sehr groß. Ich mache diesen Job seit 15 Jahren. Seit etwa fünf Jahren mehrt sich die Unzufriedenheit, die aus dem Vergleich entsteht: Für andere ist mehr drin als für mich! Das liegt auch daran, dass alle möglichen Leute Thesen aufstellen. Daran, dass wir überall von den glücklich befreiten New Workern lesen. Und es irgendwann für selbstverständlich halten, dass wir alle Freiheiten bekommen können. Aber natürlich ist die Freiheit eine Illusion, die New Work eine Idee, eine Art soziokulturelles Gen, das eine bessere Arbeitswelt erhoffen lässt, die es breitflächig noch nicht gibt.

Die Arbeitswirklichkeit ist eine andere: Menschen können und dürfen selten flexibel arbeiten. Politik spielt in den großen Firmen nach wie vor die dominierende Rolle, weshalb wirklich leistungs- und inhaltsmotivierte Menschen in den Konzernen ausgelaugt werden. Technologiefirmen wie Microsoft sind da fraglos weiter als Hamburger Handelshäuser, arbeiten mehr dagegen und tun mehr dafür – aber immer noch ist es so, dass es Machtspiele in den Unternehmen gibt, welche weder den Mitarbeitern noch den Kunden nutzen. Auch zwischen den alten Mächten und den neuen Kräften, denen die „New Work“ als Idee eingehaucht ist. Aber nicht nur.  „Wir bauen lauter dreibeinige Stühle aus brüchigem Holz und schichten sie aufeinander. Und dann hoffen wir, dass es noch eine Weile hält“, beschreibt mir eine Kundin aus einem weltweit agierendem Technologiekonzern die Strategie. In einem Konzern, in dem die New Work längst zuhause sein sollte. „Ja, theoretisch, kann ich flexibel arbeiten“, sagt sie. „Aber praktisch kann ich dann gleich meinen Aufhebungsvertrag unterschreiben.“

Ich liebe sie die Theoretiker, weil sie keine Ahnung haben, wie Menschen wirklich sind. „Früher haben die Mitarbeiter Strategien exekutiert. Heute agieren sie selbst unternehmerisch“, schreibt Microsoft mit Marcus Albers in seinen 33 Thesen.  Menschen kommen nicht unternehmerisch auf die Welt, wenn jemand kein Unternehmer ist, ist es harte Arbeit, ihn dazu zu  machen. Und manchmal geht es auch gar nicht. Das Umfeld der Unternehmen ist nicht geeignet, unternehmerisches Denken zu fördern. Der Unternehmer hat eine Idee, verfolgt sie und bringt sie in den Markt. Der Mitarbeiter im Unternehmen muss sich schon die Idee kaputtreden lassen, wenn er sie überhaupt außerhalb eines betrieblichen Vorschlagswesens präsentieren kann. „Du bist, was das Umfeld aus dir macht“, ist eine These der Persönlichkeitspsychologie. Stimmt diese, man streitet noch über die Größe des Einflusses von Genen und Umwelt, dann ist es eine Illusion, Unternehmertum im Unternehmen zu fordern.

Ich liebe sie, die Theoretiker, weil sie idealistisch sind. Jeder soll nach seinen Talenten handeln. Doch Talente wachsen nicht auf Bäumen, sie werden gemacht. „Du bist, was andere in dir sehen“, lautet die Essenz des so genannten Rosenberg-Experiments, in dem einer Gruppe von Schülern eingeredet wurde, sie seien besonders intelligent, obwohl dem nicht so war.  Sie entwickelten daraufhin ihre kognitiven Fähigkeiten besser als jene, denen dies nicht eingeflüstert worden ist. Die neuere Hirnforschung legt nahe, dass Training, etwa mit Neuro-Feedback, Menschen schlauer, emotionaler und möglicherweise auch unternehmerischer – risikofreudiger nämlich – machen könnte. Nur würden es diese neuen Entrepreneure vermutlich nicht lange in einem Konzern aushalten. Sie würden selbst ein Unternehmen gründen. Eine weitere These lautet so: Früher suchten Unternehmen gute Sachbearbeiter. Heute suchen sie Mitarbeiter, die eine menschliche Beziehung zum Kunden aufbauen.“

Ich liebe sie die Theoretiker, und dieser Satz macht mich wirklich ärgerlich. Wo sind die Unternehmen die dies suchen? Zeigen Sie mir diese, bitte! Ich finde Sie nicht. Meine Kunden auch nicht. Die steigen reihenweise aus dem Vertrieb aus, weil Unternehmen eben keine Kundenbeziehung erlauben, sondern nur den Erfolg wollen – und zwar sehr, sehr oft: koste es, was es wolle und kurzfristig, nicht nachhaltig.

Ich liebe sie die Theoretiker, weil sie nicht nur idealistisch sind, sondern auch davon ausgehen, dass der Mensch so ist wie er ist und eben grundlegend gut und arbeitswillig. Interessanterweise zitieren viele New Worker auf Vorträgen im Jahr 2014 (!) das uralte Modell der Theorie X und Y nach Douglas McGregor. Es stammt – aus dem Jahr 1960! Die Vortragenden wollen damit beweisen, dass Menschen sich in einem fördernden guten Umfeld frei entfalten. Die Theorie ist durchaus umstritten. Es gibt nach wie vor Menschen, die mit X-Methoden, also autoritär geführt werden wollen. Und es gibt faule Leute, die sich nicht von allein reinhängen, auch nicht, wenn sie intrinsisch motiviert werden. Weitere Grenzen der New Work zeigt uns die globale Welt, mit ihren interkulturellen Teams. Wir dürfen nicht vergessen: Wir in Deutschland wie auch die USA haben eine vergleichsweise niedrige so genannte Machtdistanz, sind eine eher individualistische Kultur. Global sind die Regeln kaum zu vertreten. Was geschah mit Yahoo, als die Freiheit zu groß wurde?

Ich liebe sie, die Theoretiker, weil sie immer viel weiter und fortschrittlicher sind als wir Praktiker, denen die Realität zu nahe ist. Weil sie nur denken können, wie sie denken, da sie mit dem Durchschnitt, dem Normalen, dem Alltag nicht so viel zu tun haben – und meist auch gar nicht zu tun haben wollen. Umsetzung ist nicht ihr Thema, sondern Vordenken. Da darf man spinnen und muss sich nicht auf Fakten berufen. Und in gewisser Weise ist das auch gut so.


Von Svenja Hofert, Autorin, Outplacementberaterin, Karriereberaterin, Karrierecoach und Trainerin

 

Posted by Diana Heinrichs

PR-Managerin Vernetztes Arbeiten

 

Mit seinem Manifest fordert Microsoft eine Debatte zum neuen Arbeiten in Deutschland. Starre Büroarbeit soll flexiblen und mobilen Arbeitsverhältnissen weichen, traditionelle Hierarchien müssen sich auflösen und Unternehmen vielmehr wie ein Netzwerk arbeiten. Was Blogger, Wissensarbeiter und Vertreter der digitalen Gesellschaft dazu zu sagen haben, teilen sie uns in Gastbeiträgen mit. 

 

Comments
  • Oh wie sehr ich Ihre denkweise nachvollziehen kann und in vielen Belangen ebenso sehe. Ich habe auch schon daran rumkritisiert an diesem Manifest, weil es mir in teieln doch einfach zu euphorisch, zu unreflektiert, zu sehr an der Realität vorbei ist.

    Was ich zu einzelnen Punkten zu sagen habe können Sie hier finden: http://aussycht.blogspot.de/2014/05/normal-0-21-false-false-false-de-x-none.html ich würde mich freuen, wenn Sie meinen Diskussionsbeitrag lesen würden.

    Herzliche Grüße
    Stefan Nette

  • Hallo Frau Hofert,

    wie immer eine sehr pointierte Reflektion Ihrerseits und es war mir eine Freude es zu lesen.

    Im wahrsten Sinne besonders hellhörig wurde ich im Mittelteil, als Sie von den schnellen Erfolgen im Vertrieb sprachen. Da geht mir das Herz und der Verstand auf, da ich dieses aus eigener Sicht sehr, sehr, sehr unterschreiben würde. Es gilt gerade in der heutigen Zeit und des Info- und Möglichkeiten-Überflusses auf allen Seiten, dass Thema CRM wirklich ernst zu nehmen. Um es mal praktisch zu sagen: bei einem meiner früheren Arbeitgeber geht man davon aus, dass eine Kaufentscheidung oftmals keine Frage von Minuten, sondern oftmals von Jahren sein kann. Da ist eine profunde und kundenorientierte Vorgehensweise sehr wichtig!

    Weiterhin alles Gute und ich folge Ihnen weiterhin sehr gerne.

  • Das mache ich, und verlinke Sie, denn ich schreib auch noch mal was im eigenen Blog. LG Svenja

  • Sehr schön! Tolle Gedanken und Argumente mit feiner Rhetorik und elegantem Stil. vielen Dank dafür.
    Gerne mehr davon

  • Liebe Frau Hofert,

    Glückwunsch, 90 Punkte von 100. Aber ich möchte - aus Sicht der wahrlich beeindruckenden Fangemeinde der New Work - Wasser in den Wein gießen. Denn die Stimmungslage ist ja anders. Gesellschaftliche Stimmungslagen ("Zeitgeist") bilden sich vor allem durch Bedürfnisse und Gefühle, nicht durch "die Wahrheit".

    Trendgurus, die Entrepreneurship-Päpste, Beststeller-Autoren und Speaker, das Wolf-Lotter-Universum der brand eins und viele andere predigen seit Jahren, der Kapitalismus würde bunter, vitaler, innovativer, "kreativer". Man müsse nur wollen - die Freiheitsgrade sind so groß wie nie, und natürlich findet man in der globalen Wirtschaft immer auch Beispiele für Innovatoren. Der Sog daran: Ja, das möchten wir doch alle! Wir wollen keine 60 Stunden Wochen. Wir sind das Coaching-Gerede, Mobbing-Berichte, Burn-out-Ratgeber-Schwemme und die nervtötenden "ich-mach-mich-jetzt-selbständig-und verdiene-mein-eigenes-Geld"-Reportagen in der BRIGITTE leid. Wir wollen weder Bedenkenträger-Gequatsche noch Rosarot-Maler. Wenn sich tatsächlich "das System" ändert, wäre doch allen geholfen. Wenn tatsächlich so viele "aufhören zu arbeiten", kann es doch auch klappen - das wäre schön, erzählt uns mehr davon. Ja, das wollen wir.

    Hier geht es um vieles, um viel und sehr Unterschiedliches - aber nicht um "Theorie". Ich finde diese Resonanz auf das New-Work-Thema verständlich. Es ist mit Blick auf die kalte Unternehmensrealität, die Sie ja auch schildern, nur allzu nachvollziehbar, das man HOFFNUNG will. DAS ist der Kern von New Work - und nicht die abstruse Realitätsferne von Theoretikern. Sie machen es sich ein bisschen leicht: Diese Debatte ist menschlich und weder "falsch" noch "theoretisch". Sie ist das krasse Gegenteil: Leider existenziell praktisch, sie spiegelt Leiden an der Organisation, an leistungs- und erfolgsversessenen Chefs und einer Abspaltung von Teilen der Eliten von der Gesellschaft. Die "Theoretiker", die Sie meinen, verkaufen eine Dienstleistung (Hoffnung). Aber es sind eben keine Theoretiker. Es sind Berater, die von genau den Leuten bezahlt werden, die als Führungspersonal eine große Verantwortung für diese Misere tragen.

    Ihre Argumentation VERNEBELT das Problem. Das ärgert mich. Ich stehe vollkommen auf Ihrer Seite; aber die Situation wird sich erst dann ändern, wenn man genau hinschaut. (Und die Theorie kann das, genau hinschauen - wenn man sie nicht als Lobbyisten-Haufen von Konzernlenkern missversteht oder kaputtredet!) Eine "schlechte", kritikwürdige Wirklichkeit wird niemals von Theoretikern verantwortet. Sondern von Handelnden.

    Alles Gute und herzliche Grüße von einer Zufallsleserin



  • Liebe Zufallsleserin, Danke für Ihre Zeilen. Besonders gefällt mir an Ihrer Argumentation der Seitenhieb auf die Berater, die für Ihre Impulse von denen bezahlt werden, die eigentlich nichts machen. Auch das hat für mich was von Theorie. Gut auch der Verweis auf Wünsche und Stimmungen. Allerdings möchte ich hierzu anmerken: Wünsche sind eben oft auch "gemacht" und durchaus nicht nur "innen drin". Wünsche werden auch konstruiert. LG Svenja Hofert

  • Und es gibt sie die Beispiele, die genau das Leben und somit den Weg vorzeigen. www.mitmachen-augenhoehe-film.de

  • Und es gibt sie doch... die Theoretiker die die Praktiker beobachten und die feststellen, dass vieles von dem was wir heute unter NewWork verstehen in einigen Unternehmen schon lange gemacht wird.... und die diese Unternehmen wissenschaftlich fundiert untersucht haben. Und oh wunder: Die sog. Theorie ist in der Praxis nicht nur wirksam, sondern auch ein echter Erfolgsfaktor - einer der den Unterschied ausmacht.

    Ich bin selbst lange in der Praxis gewesen, habe viel von dem wie Mitarbeiter entmündigt und klein gehalten werden selbst erlebt. Und ich habe mich lange mit der neuen Theorie beschäftigt. Mit ROWE, mit Hochleistungsteams, mit temporary Leadership, mit transformationaler Führung, mit all dem was moderne Führung bedeuten kann. Aus meiner altern Erfahrung heraus kann ich sagen. Wäre ich so geführt worden, dann hätte ich 200% Leitung bringen könne, ich hätte dem Unternehmen viel mehr geben können, ich hätte Freude bei der Arbeit gehabt, Arbeitszeit wäre positiv verbrachte Lebenszeit gewesen.

    Wer's nicht glaubt - die Theorie - der schaue in die Wissenschaft, z.B. in die Forschungen von Frau Prof. Heike Bruch von der Uni St. Gallen zur Organisationalen Energie - das sind überzeugende Zahlen Daten Fakten aus real existierenden, großen, bekannten Unternehmen. Praxis halt. Genauso Praxis, aber noch in der wissenschaftlichen Auswertung - das was ein anderer Schweizer, Lukas Michel, mit Agility INsights in Unternehmen zu Tage fördert - auch hier sieht man, der Dialog über mehr NewWork im Unternehmen lohnt sich immer - auch ohne gleich alles umzukrempeln.

    Auch wenn die Thesen die MS veröffentlicht hat weit von dem weg sind, was diese Praxis zeigt. Wenn MS hier den großen Wurf versucht, der sonst auch gerne als Idelaziel aufgezeigt wird, man sollte NewWork ernst nehmen. NewWork ist deutlich mehr, als das, was MS da formuliert hat.

    Viel Spaß bei NewWork im kleinen. Versuchen Sie es, es macht sie GROSS!
    Guido Bosbach

  • Da melde ich mich doch auch mal als Unternehmer (Software, 75 Kollegen, mehrere Firmen gegründet und Early Seed Investor bei anderen). Die NewWork-Debatte wird bei uns schon lange geführt, und viele Dinge - selbstbestimmte Arbeitszeiten, Urlaubstage, selbstgewählte Führungskräfte - sind vorhanden und funktionieren. Andere mal gut, mal nicht so gut, manchmal sofort, manchmal erst später, manchmal nie.

    Die Motivation zu der sogenannten "New Work" ist dabei weder theoretisch noch aus einer Krise motiviert. Sie hat sich mehr oder weniger aus der Weiterentwicklung des Unternehmen - auf Shareholder wie Kollegenebene - ergeben. Und klar ist es einfacher wenn das Unternehmen klein ist.
    Unsere praktischen Probleme dabei diskutieren wir dann meist tatsächlich auch mit den "Theoretikern" und setzen die Vorschläge um. Wenn sie funktionieren machen wir mit ihnen weiter, wenn sie nicht funktionieren lassen wir sie bleiben. Und natürlich tauschen wir uns mit den anderen Praktikern aus - den Liips aus der Schweiz, den Seiberts, den Andräs oder auch den GuteFrage.Netlern aus dem Hause Holtzbrinck - und lernen voneinander.
    Und klar sind die Theoretiker uns Praktikern meist etwas voraus, aber das ist ja auch ihr Job.

  • Das Microsoft-Manifest kann man in der Pfeife rauchen. - Es ist die Energie nicht wert, die nötig ist, um den Server laufen zu lassen, der es am Leben hält.

    Was ich dagegen bei Frau Hofert höre, ist die Sorge um überzogene Erwartungen und falsche Hoffnungen, möglicherweise befeuert durch Visionäre, von denen einige wenige sogar vom Visionär-Sein leben können. (btw: Glückwünsch, toll gemacht - ich beneide Euch!)

    Nun bin ich auch Praktiker. Ich mache einen Job, der - so vermute ich -nicht ganz unähnlich ist wie der, den Frau Hofert tagtäglich macht. Nebenher begleite ich noch - ganz praktisch ;) - Unternehmen ihren sehr individuellen Schritten dahin, wo sie eben hin wollen.

    Kurz gesagt: Ich habe wahrscheinlich recht ähnliche Menschen bei mir im Gespräch sitzen wie diejenigen, die Frau Hofert vor Augen hat. - Komischerweise kann ich von überzogenem Anspruchsdenken nichts wahrnehmen, auch nicht, dass es großartig zunehmen würde in den letzten Jahren (meine Erfahrungsbasis: Ca. 1000 Coachees in 6 Jahren).

    Was ich wahrnehme sind sehr unterschiedliche Menschen mit sehr unterschiedlichen Ressourcen und Möglichkeiten. Teilweise kommen sie aus sehr unterschiedlichen Berufs- und Lebenswelten, die sich höchstens mal zufällig und am Rande berühren. - Und die meisten sind: "Realisten". Sie passen gut auf sich auf, finden Lösungen entlang ihrer Bedürfnisse und haben einen recht gesunden Blick auf die Berufswelt, geprägt durch ihre persönichen Erfahrungen "mit der Arbeit" und "mit Unternehmen". Dabei ist mir noch kein einziger Kunde begegnet, dessen Blick von "Ideologie" oder eben jenen "Theoretikern" geprägt war, von denen Frau Hofert spricht.

    Und das finde ich dann doch ein bisschen bemerkenswert und merkwürdig. - Hat nun Frau Hofert vielleicht doch einen ganz anderen Kundenkreis als ich? Kann ich nicht ausschließen. - Aber im Grunde "hatte ich sie alle" schon mal: Die Ex-CEOs genauso wie die Manager aller Level, die "Ich will nur Facharbeiter sein", die "ich bin seit 10 Jahren arbeitslos", die "ich will den Berufswidereinstieg schaffen", die erfolgreichen und die vor Kurzem mal gescheiterten Selbständigen, und und und.

    Wenn ich einen Tipp abgeben soll, wie es dennoch zu so einem Artikel wie oben von Frau Hofert kommt, würde ich sagen: Es hat doch am Ende irgendwie mehr mit ihr selber zu tun als mit dem, was ihr an falschen Erwartungen in ihrer Praxis begegnet. Inwiefern genau? Ich habe keine Ahnung. Das kann höchstens Frau Hofert selber beantworten.

    Falls dem aber tatsächlich so sein sollte, wie ich hier vermute, dass hier irgendwelche sehr persönlichen Wünsche der Autorin Vater des Gedankens waren: Dann willkommen im Kreis der wilden Theoretiker und Ideologen, Frau Hofert!

  • Ich bin Unternehmer und Praktiker. New Work habe ich als Begriff erst kennengelernt, nachdem wir uns von den Werkzeugen der klassischen Unternehmensorganisation entfernt haben und lange bevor wir uns mit den zugrundeliegenden Theorien beschäftigt haben. Und da war ich dann froh über die Theoretiker, die uns dabei geholfen haben besser zu verstehen, warum Dinge funktionieren wie sie funktionieren.

    Und es ging uns nicht darum ein gemütliche Umfeld für eine Generation Y zu schaffen sondern um Strukturen, die in der Lage sind mit den komplexen und dynamischen Herausforderungen unserer Zeit umzugehen.

    Die Abgrenzung zwischen denjenigen mit dem Überblick und denjenigen die umsetzen aufzulösen war hierzu einfach der logischer Schritt. Dabei allen die Möglichkeit zu geben ihr Arbeitsumfeld, ihre Arbeitszeiten, das Recruiting etc. selbst zu gestalten eine nachgelagert erkannte Voraussetzung.

    Daraus ist weder eine Gruppe von Unternehmern entstanden noch eine Wohlfühloase. Aber eine immer größer werdende Gruppe von Leuten, die wie selbstverständlich Verantwortung übernehmen, die zusammenstehen, die durch offene und immer weiter optimierte Kommunikation immer besser werden, die Mut zu Lösungen haben, die sich ein klassischer Chef nicht einmal erträumt hätte. Leute, die gelernt haben und immer weiter lernen das Unternehmen als Ganzes im Blick zu haben und nicht nur ihr Interesse oder das Interesse ihres Teams. Und Leute, die dann erzählen, dass ihre Freunde sich nicht vorstellen können, dass es ein solches Arbeitsumfeld wirklich gibt.

    Und das wirklich spannende für mich ist: Es begegnen einem immer mehr Unternehmen, die teilweise noch viel weiter sind. Nicht nur Software-Buden in Berlin sondern klassische Mittelständler bei uns im Schwäbischen. Die haben oft noch weniger Bezug zu Begriffen wie New-Work aber leben die Gedanken dahinter.

    Ich liebe sie die Praktiker. Und die Theoretiker geben dann immer wieder wichtige Impulse dazu.

  • Sehr geehrte Frau Hofert,

    Ihr Beitrag ist sehr relevant und spannend zu lesen! Er inspiriert mich eine homöopathische Dosis unserer Forschung zu teilen die nun auch in Deutschland anfängt Wellen zu schlagen.

    Ich bin Senior Researcher & Advisor eines Harvard basierten globalen Forschungsprojektes zu Fragestellungen die in Deutschland wohl am ehesten als "New Work", "Auf Augenhöhe" (sie link oben), "Arbeit der Zukunft" etc. beschrieben werden können. Momentan arbeiten und forschen in 90 Ländern, 11 Sprachen und allen Kontinenten. Zusammen mit einem Konsortium aus knapp 2 dutzend Institutionen beschreiben wir ein Phänomen auf das auch Sie hindeuten und wunderbar kritisch betrachten (danke dafür!). Ich stimme Ihnen in fast allen Punkten zu. Gerade deshalb dürfte es spannend für Sie sein das wir mit validen Methoden fast wöchentlich neue Beispiele von Organisationen und Gruppen finden die nicht mehr in momentane management und leadership Raster passen, die in Ihrem nachhaltigem Erfolg mit gängigen ökonomischen Ansätzen nicht mehr erklärt werden können aber anscheinend genau deshalb >100% effizienter und effektiver als Ihre Mitbewerber sind.

    Ein spannendes Beispiel haben wir gerade zusammen mit dem Heinz College der Carnegie Mellon beschrieben: http://youtu.be/Jx8T2T1Hr90

    Die Erkenntnisse führten in unserem Forschungsprojekt bereits zu spannenden "tools" wie z.B. das einfache Aufzeigen des wirtschaftlichen Mehrwertes von Praktiken die in Deutschland sicherlich auch in die Kategorie "Auf Augenhöhe", "Arbeit der Zukunft" New Work etc fallen. Es wurde hierzu auch gerade ein erstes Grundlagenbuch veröffentlicht. In Deutschland arbeiten wir neben Unternehmen und NGOs auch vermehrt mit Industrieverbänden, unterschiedlichen Ministerien sowie lokalen Politikern. Auch gibt es bereits mehr als ein halbes dutzend Universitäten die diese Erkenntnisse in speziell dafür gegründete Studiengänge verankert sehen wollen und wir unterstützen Sie dabei diese Studiengänge zu gestalten und zu akkreditieren. Die Resonanz ist umwerfend und gibt mir als berufsbedingten Kritiker Grund zur Hoffnung.

    Ich hoffe ich konnte Sie mit meinem Kommentar von unserer Forschung und Arbeit inspirieren. Wenn ja dann kontaktieren Sie mich gerne unter christoph[dot]hinske[at]gmail[dot]com.

    Hochachtungsvoll,

    Christoph Hinske

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