Wenn ich mich nicht verrechnet habe und sich irgendwer darum kümmert, habe ich dieses Jahr 10-jähriges Klassentreffen meines Abiturjahrgangs. Erstaunlich lange her ist das Ganze also schon und dennoch mache ich mir immer mal wieder Gedanken darüber. Nicht etwa weil mein Abitur derart zum Nachdenken anregt, sondern weil ich mir ab und zu versuche auszumalen, wie es wohl mittlerweile in der Schule sein muss. Dabei geht es mir nicht um Alkopos oder Frankfurter Straßenrap, sondern um eine andere Nebenerscheinung: Das Internet.

Alle Hausaufgaben, Vorträge, Erklärungen dazu und Übungen sind nur einen Klick entfernt. Und die eingesparte Zeit kann man dafür nutzen, um mit dem Mädchen aus der Raucherecke, aus dem Nachbardorf, zu schreiben. Ohne schwierige Telefonnummerweitergabe! Was für ein Luxus. Ob wohl noch Briefchen während des Unterrichts geschrieben werden? Eigentlich nur schwer vorstellbar, schließlich gibt es da doch kaum Emoticons. Andererseits wiegen all diese Vorteile nicht im Geringsten meine Freude darüber auf, dass ich mit 14 Jahren noch keinen Zugriff auf soziale Netzwerke hatte. Beziehungsweise waren die damals glücklicherweise noch nicht mal annähernd erfunden. Meine Güte, war ich ein pubertärer Idiot und tausende Suchmaschinen würden das heute offen legen, wäre ich nur eine Generation später geboren. Glück gehabt. 

Dafür hatte ich das wohlige Gefühl der Allwissenheit, als ich in Besitz einer "Microsoft Encarta '97" CD gelangt bin. Erstaunlich, dass danach noch etwas in Form des Internets kam. Ich war mir so sicher, diese eine CD wäre die Krone der Allwissenheit. Da waren sogar Videos drauf! 

Dabei brauche ich mich gar nicht beschweren, dass meine Schulzeit kurz vor dem langsamen Erwachsenwerden des Internets endete. So spielte mir diese Entwicklung schließlich erheblich in die Karten, was die Berufswahl anging. In den drei Jahren vorm Abitur gab es diverse arrangierte Gespräche mit einem schuleigenen Job-Berater. Drei Jahre in denen man von eben diesem Jobcoach eingeredet bekam, dass man auf dem Arbeitsmarkt so gut wie keine Chance haben würde, wenn man nicht bereits eine klare Vorstellung vom eigenen, beruflichen Werdegang hat. Ich war sehr wechselhaft und habe mal was von Landschaftsarchitekt, Kindergärtner, Tierpfleger oder Journalist erzählt. In jedem Fall war ich mir nach jeder dieser Sitzungen in einem kleinen Raum, der nach altem Kopierpapier und noch älterem Instant-Kaffee roch, sicher, dass ich wahrscheinlich niemals einen Job finden würde. 

Aber dann kam ja dieses Internet. Wir spulen ein paar Jahre vor und entgegen aller Voraussagungen des Job-Coaches habe ich festen Fuß in der Berufswelt gefasst. Die Möglichkeiten des Internets gepaart mit der Tatsache, dass ich von allem irgendwie ein bisschen kann und eine Reihe von Zufällen haben mich bisher erfolgreich durch die Berufswelt gelotst. Mittlerweile sitze ich beim Fernsehen, vorher in einer digitalen Kreativagentur, davor bei der Musikindustrie und zwischendrin war sogar mal was mit Mode. Letztlich stand immer die Kreativität im Mittelpunkt und nicht einen dieser Jobs konnte ich meinen Eltern vernünftig erklären.

Wahrscheinlich, weil sie nicht in klassische, ältere Berufsbilder passen. Ich halte mich dabei nicht für einen verrückten Außerirdischen auf dem Berufsmarkt, aber ich komme aus einer klassischen Arbeiterfamilie vom Land mit klaren Vorgaben im Job: Spätestens mit dem 15. Lebensjahr weiß man, was man mal werden möchte, macht eine entsprechende Ausbildung, bleibt in diesem Beruf für den Rest seines Lebens und wechselt den Arbeitgeber höchstens zwei, drei Mal. Und im Wesentlichen bekommt man deshalb Geld für seine Arbeit, weil man sie nicht gerne macht. Das ist natürlich auch eine Herangehensweise an Job und Alltag, macht mein persönliches Modell scheinbar aber umso unverständlicher.

Nach einigen Jahren habe ich immerhin schon im familiären Umfeld ein Grundverständnis dafür aufbauen können, dass ich tatsächlich mit Bezahlung rechnen kann, obwohl mir eine Arbeit durchaus Spaß macht. Bis heute ist allerdings die Grundangst nicht weg, wenn ich den Arbeitgeber wechsle. Als ich für etwas mehr als ein Jahr als Freiberufler gearbeitet habe, hatte meine Mutter durchgehend die Befürchtung, ich würde ihr nur Arbeitslosigkeit beschönigen und mich heimlich mit dem Verkauf von angemalten Steinen über Wasser halten. Oder so.

Die Tatsache, dass ich aus einem solch starren Bild von Beruf und Karrierelaufbahn komme, ist wohl der Grund dafür, dass ich sehr oft über genau dieses Thema nachdenke. Keine Ahnung, was aus mir geworden wäre, wäre das Internet nicht mit all seinen Möglichkeiten dazwischen gekommen. So als wäre es das neue Schweizer Taschenmesser aller Quereinsteiger.

Ich bin froh einer Generation anzugehören, der es vergleichsweise leicht gemacht wird, durch flexibles Arbeiten in neue Berufswelten einzutauchen und diese zu beherrschen. Ist das eigentlich nur eine Phase oder ist das jetzt immer so? Ich bin gespannt, wie die Entwicklung diesbezüglich in den nächsten Jahren sein wird und ob all die “Digital Natives” ihrem Namen gerecht werden. Oder wird es an Bewusstsein fehlen, wenn man das Internet und seine Möglichkeiten als Selbstverständlichkeit ansieht? Für mich zählt es nämlich zur größten Aufgabe in diesem Bereich Anschluss zu schaffen. Möglichkeiten offen zu legen und vor allem zu erklären, denn was nutzt die beste Vernetzung, wenn nicht alle Teil davon sind.

Von Markus Herrmann

Posted by Diana Heinrichs
Communications Manager Wettbewerbsstrategie & Social Enterprise
 

Mit seinem Manifest fordert Microsoft eine Debatte zum neuen Arbeiten in Deutschland. Starre Büroarbeit soll flexiblen und mobilen Arbeitsverhältnissen weichen, traditionelle Hierarchien müssen sich auflösen und Unternehmen vielmehr wie ein Netzwerk arbeiten. Was Blogger, Wissensarbeiter und Vertreter der digitalen Gesellschaft dazu zu sagen haben, teilen sie uns in Gastbeiträgen mit.