Ninia Binias, wortgewandte Slam-Poetin aus Hannover, hat für den Office 365 Kreativwettbewerb nach der  Beziehung von Digitalisierung und Literatur gefragt. Das Ergebnis: ein Langzeitprojekt in Form eines Blogs: Auf „Storytelling tomorrow“ (http://www.storytellingtomorrow.blogspot.de/) hält sie Gedanken und Geschichten zum Thema fest und wirft einen vorsichtigen Blick in die Zukunft. Die Arbeit mit Office war ihr dabei nicht fremd – Ninia benutzt privat und für die Arbeit die Programme, die Office bietet zum Schreiben, Produzieren und Präsentieren von größeren Inhalten.

WIE SIEHT FÜR EUCH DIE LITERARISCHE ZUKUNFT AUS?

 

Wie sieht für euch die Zukunft von Storytelling und Literatur aus? Das wollte ich von meinen Twitter-Followern und Facebook-Friends wissen. Grundsätzlich glauben fast alle an die Zukunft des Geschichtenerzählens und den Fortbestand der Literaturproduktion – in welcher Form auch immer. Spannend: Die Menschen, von denen ich weiß, dass sie künstlerisch unterwegs sind, legen auch 2013 noch großen Wert darauf, dass Individualität und Kreativität zusammengehören. Goethe lässt sich den Faust von der Crowd finanzieren und baut die Ideen anderer in die Geschichte ein? Für die Künstler_innen-Fraktion unvorstellbar. "Open-Source-Fanfiction hat uns 50 Shades of Grey geschenkt", heißt es verächtlich in meinen Facebook-Kommentaren. Qualität geht also nur über Individualität, so die allgemeine Meinung.

Open Source geht nur mit Qualitätseinbußen - stimmt das?

Nein. So einfach ist es natürlich nicht. Unabhängig davon, wie man "50 Shades of Grey" qualitativ bewertet - die Erzählung gehört zu den erfolgreichsten der letzten zehn Jahre. Fanfiction kann erfolgreich sein, eben genau, weil es Fanfiction ist. Fanfic-Autor_innen wissen, dass es eine Zielgruppe für ihre Geschichten gibt - bei Shades of Grey die gesamte Twilight-Community. Die Community schreibt sich ihre eigenen Geschichten? Für individuelle Produzent_innen von (literarischer) Kunst schwer zu verstehen. Trotzdem ist die Angst unbegründet, dass die Crowd über kurz oder lang den kompletten Literaturbetrieb an sich reißen wird. Aber sie kann eine neue Sparte einrichten und Bewegung in die hierarchischen Strukturen bringen. Im Zweifel entscheiden nicht mehr Einzelpersonen über die Umsetzung von Manuskripten, sondern die Masse. Oder, letztendlich, die Autor_innen selbst - indem sie ein E-Book herausbringen und sich ausprobieren.

Ich abonniere meine_n Lieblingsautor_in

Lisa, ebenfalls in meiner Facebook-Timeline, glaubt, dass in Zukunft nicht allein das Buch das Verkaufsobjekt sein wird. Sie kann sich vorstellen, bestimmte Autor_innen zu abonnieren und diese beim kreativen Prozess finanziell und mit Ideen zu unterstützen: "Ich gebe ihnen Geld und dafür darf ich ihnen über die Schulter schauen." Sie bezahle für "ein Mehr". Man warte dann auf das nächste Kapitel wie auf die nächste Folge einer Serie. Das unterstützt auch andere Meinungen in meiner Timeline, die davon überzeugt sind, dass Menschen in Zukunft lieber viele kleine Happen hintereinander konsumieren. Den weltbewegenden Jahrhundertroman? Gibt es nicht mehr. Und wenn nur als Serie mit einzelnen Folgen, die dank des Cliffhangers dafür sorgen, dass die Leute dabei bleiben. Dass das auch gefährlich werden kann, zeigt die Kolumne von Jürgen Siebert - Verbraucher_innen dürfen nicht getäuscht werden.

 Das Sachbuch als interaktives Medium

@ReadActor bringt mich auf eine neue Idee: Interaktives Storytelling kann gerade bei Sachbüchern gut funktionieren.

 


Das kann ich mir sehr gut beispielsweise bei Schul- und Geschichtsbüchern vorstellen: Durch Videos, Slideshows und Links wird Geschichte lebendig. Diesen Ansatz finde ich sogar spannender als die reine Diskussion um die Format-Zukunft der Literatur. Ausschmücken statt wegdrängen, sozusagen - warum nicht neue Möglichkeiten nutzen, um alte Formate wieder reizvoller zu gestalten? @ReadActor hat nach meiner Frage sogar noch länger über eine mögliche Antwort nachgedacht und gebloggt: Geschichten erzählen - heute und morgen. Er verweist auf die multimedialen Reportagen der NY Times. Zwei gute Bespiele kenne ich auch aus Deutschland:

Das Nichtwähler-Projekt der Springer-Akademie

Das neue Leben der Stalin-Allee auf Zeit Online


So stelle ich mir spannenden Journalismus in der Digitalisierung vor. Und da kann ich mich @ReadActor nur anschließen: Warum nicht dieses Format auch auf Literatur übertragen?

Karla Paul habe ich vor zwei Jahren auf der re:publica kennengelernt. Sie ist Redaktionsleiterin und Social Media Managerin von LovelyBooks.de. Die Plattform bietet Leser_innen einen Austausch über die Bücher, die sie gerade lesen - Stichwort Social Reading! Karla gehört laut der Zeitschrift NEON zu den zehn vielversprechendsten Talenten für die Zukunft. Für #einfachmachen hat sie mir ein paar Fragen zu Storytelling Tomorrow beantwortet:

Wie stellst du dir Storytelling 2023 vor?

Geschichten wurden schon seit der Steinzeit erzählt und auf ein Medium gebannt - damals noch mit Höhlenmalerei. Inzwischen stehen uns leichtere, schnellere Möglichkeiten zur Verfügung, aber der Wunsch nach Geschichten wird weiterhin existieren. 2023 wird es wahrscheinlich noch einfacher sein, weltweit und ohne zeitliche Unterbrechungen gemeinsam eine Idee in verschiedenen Formen und Medien zu erzählen und dem Publikum verfügbar zu machen. Wir gehen jetzt schon in sehr schnellen Schritten - durch Möglichkeiten wie Google Glass kann ich die Geschichte schon in dem Moment wahr machen, in dem sie erzählt wird.

Glaubst du, dass zukünftig Geschichtenmacher durch das Netz ihre Konsumenten leichter erreichen können, sie also Verlag und Literaturmarkt umgehen und direkter produzieren? Wenn ja, wie wird das ablaufen?

Definitiv ja - wir können bereits jetzt zeitgleich international an einem Dokument arbeiten und dieses veröffentlichen. Im Prinzip kann der Käufer einer Geschichte so live mitverfolgen, wie ich sein Produkt verfasse. Das Netz macht dies möglich - die Frage ist und bleibt, ob und wie wir dies auch offline wollen. Sobald ein Autor sein Buch auch gedruckt verfügbar machen will und wenn es in vielen Geschäften vor Ort erhältlich sein soll, wird der Verlag weiterhin ein großer Anbieter für diese Möglichkeit sein und bleiben.

Welche Rolle spielen soziale Netzwerke im zukünftigen Storytelling? Können Literaturfans direkt Einfluss auf die Entstehung einer Geschichte nehmen?

Hier gibt es bereits einige Projekte wie z.B. das E-Book "Deathbook" des Rowohlt Verlags sowie Dirk von Gehlen mit "Eine neue Version ist verfügbar". Viele Autoren nutzen auch die sozialen Netzwerke für Recherche und Ideendiskussionen. Für mich bleibt allerdings privat immer die Frage, inwieweit das einem Produkt auch gut tut - ich als Leserin möchte keinen Einfluss nehmen, sondern der Autor soll seine Geschichte so niederschreiben, wie er sie sich denkt. Aber das kommt sicherlich auch auf das Projekt an - bei Sachbüchern macht dies z.B. in meinen Augen weit mehr Sinn als bei Belletristik.

Inwieweit müssen Verlage sich zukünftig ändern, um nicht „auszusterben“ und mithalten zu können?

Wie alle anderen Wirtschaftsunternehmen müssen sie ihr Alleinstellungsmerkmal hervorheben und falls sie dies nicht haben, dann müssen sie es erarbeiten. Viele Dienstleister bieten inzwischen Presse, Covergestaltung, Lektorat und Druck an - d.h. der Verlag muss hier sehen, inwieweit er das gute Verhältnis zum Autor, schnelle und gute Zahlenausarbeitung, Marketing uvm., so perfektioniert, dass er es tatsächlich besser kann als die Konkurrenz.

 

Hier ist das Video, das während des Office 365 Kreativwettbewerbs von Ninia entstanden ist.

 

Posted by Henrieta Juhasz

Volontärin Corporate & Business Communications