Im Internet darf jeder seine Meinung sagen, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen – ist doch alles anonym? Julia Sinz, Literaturbloggerin aus Köln, entwarf für den Office365 Kreativwettbewerb den „Grumpy Reader“. Leopold ist 34 Jahre alt, Vielleser, Stotterer – und schlecht gelaunt. Seine Rezensionen schreibt er ausschließlich über die Bücher, die ihm überhaupt nicht gefallen haben, Verrisse scheinen ihm eine persönliche Genugtuung zu sein. Warum das so ist? Das erklärt er z.B. in einem Interview mit dem (natürlich frei erfundenem) "Microsoft Literature Magazine“.

Entstanden ist das Projekt auf OneNote. Julia hat ihr Projekt nach dem Office365 Kreativwettbewerb weiter fortgeführt: Unter
The Grumpy Reader gibt es den Blog des schlecht gelaunten Literaturkritikers Leo, der an den meisten Büchern etwas auszusetzen hat. Der Grumpy Reader hat auch einen eigenen Twitterkanal, dem man unter GrumpyReader folgen kann. 

The Grumpy Reader

November 2013:

Ständig fragen die Leute danach, wer ich bin, was ich mache, woher ich komme und warum ich mache, was ich nun mal mache. Bislang habe ich solche Anfragen immer abgelehnt. Aber letztendlich ist jeder käuflich - auch ich. Deswegen könnt ihr hier nun ein Interview nachlesen, welches die Literaturredaktion des "Microsoft Literature Magazine" mit mir geführt hat.

Interview

F: Wir freuen uns sehr, dass du unserem Interview zugestimmt hast und wir endlich einen Blick auf den Menschen hinter "The Grumpy Reader" werfen können. Bitte lüfte doch zuerst eines deiner wohlbehüteten Geheimnisse und verrate uns, wie du heißt.

TGR: Leo.

F: Leo, wie alt bist du und woher kommst du?

TGR: Ich bin Ende 30 und wohne zu Hause.

F: Also bei deinen Eltern?

TGR: Nein, einfach nur zu Hause.

F: Und wo ist dein zu Hause?

TGR: Na hier!

F: Warum möchtest du nicht verraten, woher du bist?

TGR: Weil das unwichtig ist.

F: Ok. Dann erzähl uns doch, wie du zur Literatur gekommen bist.



Bild: Gloria Manderfeld

TGR: Ich habe nie viel gelesen und war schon immer ein Zahlenmensch. Doch dann hatte ich einen Unfall und lag lange im Krankenhaus, was einfach tierisch langweilig war. Im TV kommt ja nur Blödsinn, der einen nicht nur verdummen lässt, sondern auch noch kränker macht. Also brauchte ich eine Beschäftigung und habe angefangen zu lesen.

F: Erinnerst du dich noch daran, welches Buch du als erstes gelesen hast?

TGR: Ja. Es war "Iluminati" von Dan Brown und ich fand es einfach schrecklich.

F: Aber es hat dich trotzdem motiviert, weitere Bücher zu lesen. Was kam danach?

TGR: Ich habe mich quer durch die Krankenhausbibliothek gelesen. Leider hatten sie nur schlechte Bücher da.

F: Nur schlechte Bücher?

TGR: Ja. Und das hat mich wirklich geärgert.

F: Was hat dich denn am meisten an den Büchern gestört?

TGR: Dieser Zwang zum Happy End. Der hat mich wirklich gestört und viele Geschichten für mich kaputt gemacht.

F: Also magst du lieber traurige Geschichten?

TGR: Nein, nicht unbedingt. Aber ich möchte authentische Geschichten lesen und mich nicht in weltfremdes "Alles ist Gut"-Gelulle verlieren. Außerdem sollten Geschichten glaubhaft sein, ich möchte beim Lesen einfach das Gefühl haben, dass es genauso sein könnte. Die Figuren müssen nicht immer Menschen sein und das Setting muss auch nicht immer die Welt sein, so wie wir sie kennen. Auf die Geschichte kommt es an - dann kann es sogar glaubhaft sein, dass Vampire in der Sonne glitzern können.

F: Und was hat dich vom Leser zum bloggenden Kritiker gemacht?

TGR: Ich wollte einfach sagen, was mich stört. Anfangs habe ich in Buchforen geschrieben, aber das war nicht das Richtige für mich. Ich brauchte etwas eigenes. Vor allem brauchte ich etwas, wo mir keiner reinreden konnte. Also rief ich meinen Blog ins Leben.

F: Deinen Blog gibt es nun seit 3 Jahren und seit dem hat es noch keine positive Rezension zu einem Buch, welches dir gefallen hat, gegeben. Liest du wirklich nur schlechte Bücher?

TGR: Nein, ich lese auch gute Bücher. Aber die bespreche ich nicht.

F: Warum?

TGR: Weil das schon genügend andere machen.

F: Wie reagieren denn die Autoren auf deine Kritiken? Erhälst du Feedback oder meiden sie dich eher?

TGR: Das ist völlig unterschiedlich. Manche setzen sich wirklich mit meiner Kritik auseinander und reden mit mir darüber. Das ist für mich am schönsten, wenn ich als Leser die Möglichkeit erhalte, mit den Autoren zu agieren. Für viele bin ich aber auch ein rotes Tuch und manche versuchen sogar mir zu drohen. Wieder andere denken, ich würde (natürlich kostenlos) ihr Buch lektorieren und ihnen eine ausführliche Kritik zukommen lassen, damit sie es noch einmal überarbeiten können. Und manche denken auch, man könne mich bestechen´, damit ich die Bücher der Konkurrenz schlecht rede.

F: Mittlerweile besprichst du nicht nur Bücher auf deinem Blog, sondern nutzt auch deinen Twitter-Account um deine Meinung in gewohnter Grumpy-Manier zu verbreiten. Was reizt dich so sehr am Negativen?

F: Also ist das "grumpy-sein" einfach dein Stilmittel um die Menschen zu erreichen?

TGR: Ja. In der heutigen Zeit sind die Menschen so vielen Reizen ausgesetzt, dass man sich schon etwas einfallen lassen muss, um sie zu erreichen. Und dank des Internets hat sich hier ja auch schon viel getan. Früher gab es den Klassenclown, heute den erfolgreichen Parodie-Account. Früher hat man sich Fritzchen-Witze erzählt, heute lacht man über Webfails. Die Technik und ihre vielen Möglichkeiten verändert die Art und Weise, wie Geschichten erzählt werden können. Doch sie verändert nicht nur das wie, sondern auch das wer. Heute hat jeder die Möglichkeit, seine Geschichte zu erzählen. Und ob man nun einen Roman oder einen 140-Zeichen Tweet schreibt, ob man Bilder sprechen lässt oder ein Video dreht - eine Geschichte wird immer erzählt.

F: Glaubst du, dass die digitalen Möglichkeiten die klassische Literatur in Buchform ablösen wird?

TGR: Nein. Es wird immer Bücher aus Papier geben und es wird auch immer klassische Geschichten geben. Die Menschen haben immer schon Geschichten erzählt und werden auch in Zukunft Geschichten erzählen. Aber das Feld wird breiter, es gibt mehr Möglichkeiten als früher und im Laufe der Zeit wird sich das "wie" einer Geschichte verändern. Heute kann jeder, der etwas erzählen möchte auch erzählen.

F: Vielen Dank für das Interview!

Anmerkung der Redaktion: Dieses Interview wurde auf Wunsch von "The Grumpy Reader" per Chat geführt. Alle Antworten haben wir 1:1 übernommen und nicht verändert.

Hier ist Julia Sinz zusammen mit Teilnehmerin Gloria Manderfeld im Video zu sehen, das während des Office365 Kreativwettbewerbs entstanden ist.

Posted by Henrieta Juhasz
Volontärin Corporate & Business Communications