Cloud Computing ist einer der größten Wachstumsmärkte der nahen Zukunft – so prognostizierte das amerikanische Analyseunternehmen IDC erst jüngst, dass der Markt für Cloud Computing zwischen 2013 und 2017 mit fast 24 Prozent pro Jahr fünf Mal so stark wie die IT-Industrie insgesamt wachsen wird. Dem entgegengesetzt zeigen Umfragen in Deutschland - so  beispielsweise der von Techconsult quartalsweise durchgeführte IT-Cloud-Index Mittelstand - die großen Vorbehalte gegenüber Cloud Technologien auf, insbesondere vonseiten des Mittelstandes.

Diese Diskrepanz zwischen der Schlüsselrolle von Cloud Computing und der Zögerlichkeit deutscher Unternehmen gegenüber dem Einsatz entsprechender Technologien führt zu einigen zentralen Fragen: Welches Potenzial bietet die Nutzung von Cloud-Services im Speziellen, aber auch neuester Informationstechnologien im Allgemeinen für die Leistungsfähigkeit kleinerer Unternehmen? Wo stehen deutsche Unternehmen beim Einsatz dieser Technologien im internationalen Vergleich? Mit welchen Herausforderungen sieht sich Deutschland konfrontiert?

Eine kürzlich veröffentlichte
internationale Studie der Boston Consulting Group zum Einfluss von neuen Technologien auf Volkswirtschaft und Unternehmen in Deutschland und der Welt ist richtungsweisend für eine Diskussion der aufgeführten Fragen. Die umfangreiche Studie hat die Technologienutzung in kleinen und mittleren Unternehmen untersucht und dafür 4.000 Entscheider - zumeist Inhaber oder Firmengründer - in Brasilien, China, Indien, den USA und Deutschland befragt. Untersucht wurden drei Kategorien von Unternehmen: Die „Technologieführer“ setzen auf das mobile Internet und Cloud-basierte Services. „Mitläufer“ nutzen zwar das Internet, nicht aber mobile Web-Anwendungen oder Cloud-Services. Die „Nachzügler“ betreiben keine eigene Webseite und nutzen keine modernen Kommunikationstools.

Das zentrale Ergebnis: KMUs, die auf moderne IT setzen, wachsen deutlich schneller und schaffen mehr Arbeitsplätze als Unternehmen, die sich beim Einsatz neuer Technologien zurückhalten. Insgesamt und über alle Länder hinweg haben sie zwischen 2010 und 2012 fast doppelt so schnell neue Arbeitsplätze geschaffen und ihren Umsatz um 15 Prozentpunkte stärker gesteigert als die Nachzügler.  Technologieführer in Deutschland haben im Vergleich zu Nachzüglern in diesem Zeitraum zehn Prozent mehr Arbeitsplätze geschaffen und ihren Umsatz um 16 Prozentpunkte mehr gesteigert. Würden drei von zehn Mitläufern und nur jeder Zehnte deutscher Nachzügler auf neue IT umsteigen, so die Studie, könnten 670.000 neue Arbeitsplätze geschaffen und 110 Milliarden Euro zusätzlich umgesetzt werden – Zahlen, die auf beeindruckende Weise nicht nur die fundamentale Bedeutung von IT für das Wachstum von KMUs belegen, sondern auch für unsere Volkswirtschaft als Ganzes.

Noch offensichtlicher wird die Relevanz von IT für KMUs im internationalen Vergleich: Denn gerade Technologieführer in aufstrebenden Schwellenländern wachsen durch die Nutzung neuer IT-Lösungen deutlich schneller als Firmen in den USA oder Deutschland. Es sind insbesondere Cloud-Services, die hier als Wachstumstreiber wirken. Vergleichsweise schwach kapitalisierte Unternehmen in den Schwellenländern können dank dieser auf Technologien und Anwendungen zugreifen, die zuvor aufgrund hoher Kosten nur großen Konzernen vorbehalten waren – sie haben damit die Chance ihre Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen. Analog zu der eingangs erwähnten prognostizierten Schlüsselrolle stellt sich Cloud Computing im Rahmen der Studie folglich als maßgebliche, mit dem Unternehmenserfolg korrelierende Technologie heraus. Interessant in diesem Zusammenhang ist auch eine
Untersuchung der Business Software Alliance im vergangenen Jahr. Diese hatte aufgezeigt, dass eine Reihe von Schwellenländern die führenden Industriestaaten bei der Nutzung von Cloud-Services bereits überholt haben. Deutschland hinkt bei der Cloud-Nutzung um 18 bis 24 Monate hinterher.

Die BCG-Studie gibt außerdem interessante Hinweise, wie das Potenzial moderner IT für zentrale Prozesse im Unternehmen eingeschätzt wird – auch hier bestehen deutliche Unterschiede zwischen den führenden Unternehmen und den Nachzüglern: So führen knapp 40% der Leader eine verbesserte Profitabilität auf den Einsatz modernen IT-Ausstattung zurück, während dieser Wert bei den weniger gut ausgestatteten Unternehmen unter 10% liegt. 45% der Leader sagen, dass sie dank Technologie effizienter sind, aber nur knapp 15% der Nachzügler. Neben diesen effizienz- und umsatzorientierten Kennzahlen sind alle Mittelständler mit einer volkswirtschaftlichen Realität konfrontiert: Der steigende Fachkräftemangel. Im IT-Mittelstand beispielsweise beläuft sich dieser derzeit  auf
13.000 offene Stellen. Unternehmen müssen darauf reagieren. Mit modernen IT-Lösungen basierend auf einer externen IT-Infrastruktur kann dem Trend des Fachkräftemangels aktiv begegnet werden.

Vor diesen Hintergründen wird deutlich: Deutsche Mittelständler müssen für den Erhalt ihrer Konkurrenzfähigkeit den Einsatz neuester Informationstechnologien auf die Agenda setzen. Dieser ist schon heute - und in Zukunft in verstärktem Maße - geschäftsentscheidend. Die Einstellung mittelständischer Entscheider zu moderner IT beeinflusst zudem die Entwicklung unserer gesamten Volkswirtschaft. Wir brauchen mehr Technologieführer in Deutschland, um nicht hinter anderen Ländern zurückzubleiben. Der Mittelstand ist nicht nur das Rückgrat der deutschen Wirtschaft; darüber hinaus stammen von den rund 2700 weltweiten sogenannten „Hidden Champions“ (KMUs, die in ihrem Bereich zu den Weltmarktführern gehören, aber im Gegensatz zu Großunternehmen nicht so bekannt sind) rund 1300 aus Deutschland – also fast 50 Prozent. Eine beeindruckende Zahl, die auch in Relation zu sehen ist mit der Exportstärke des deutschen Mittelstandes und dem sehr hohen Innovationspotential, welches die Nutzung moderner Informationstechnologien als wichtiger Schlüssel auch für künftigen Erfolg nochmals unterstreicht.

Ein ausdrücklicher Appell geht auch in Richtung der Politik: Es müssen wirtschaftspolitische Weichenstellungen vorgenommen werden, damit KMUs zum Motor digitalen Wachstums in Deutschland werden können. Neben der Ermöglichung des Zugangs zu Technologien durch flächendeckenden Breitbandausbau und der Unterstützung von High-Tech Gründern, liegt es auch im Verantwortungsbereich der Politik, gemeinsam mit der IT-Wirtschaft das verlorengegangene Vertrauen in neue Technologien zu fördern. Dafür gilt es Rahmenbedingungen für Datenschutz, Privatsphäre und Sicherheit von IT-Infrastrukturen durch einen geeigneten Ordnungsrahmen zu schaffen und die Verhältnismäßigkeit staatlicher Eingriffe zu kontrollieren. Die Politik muss ihren Beitrag leisten, wenn Deutschland, wie im Koalitionsvertrag von CDU/CSU und SPD lanciert, „digitales Wachstumsland Nr.1. in Europa“ werden soll. 

Posted by Dr. Christian P. Illek 
Vorsitzender der Geschäftsführung von Microsoft Deutschland