Können sich Liebesgeschichten über soziale Netzwerke entwickeln? Jörg Lehmann, Autor des Blogs Lectronica, lässt in seinem virtuellen Dialog „If you love books“ zwei fiktive Personen, Fernando Pe und Caro Libro, auf Facebook miteinander über Bücher diskutieren. Im Rahmen des Office 365 Kreativwettbewerbs zum Thema „New Storytelling“ hat sich Jörg überlegt, was eine Geschichte attraktiv macht. Was zeichnet sie aus? Macht es einen Unterschied,  ob das Buch gedruckt oder digital existiert? Zu welchem Schluss er kommt, kann man in seinem Beitrag nachlesen.

Technik sei wichtig für ihn, man müsse sie beherrschen, um seinen Ausdruck zu optimieren. Dafür nutzt er Microsoft Software. Hier ist Jörgs Video vom Office365 Kreativwettbewerb:

 


Hier kommt Jörgs Beitrag zum Office 365 Kreativwettbewerb:

Er: Hi

Sie: Hi

Er: Hai

Sie: Hai

Er: Was machst Du?

Sie: Ich, gerade? Ich räkele mich auf dem Sofa.

Er: Hm. Mit einem Buch? Sie: Mit einem Buch, nein. Warum? Magst Du Bücher?

Er: Ich liebe Bücher. Mit der Hand über das Cover fahren, die Oberfläche streicheln, den schlanken, festen Buchrücken anfassen, die erste Seite aufschlagen, mit dem Finger von oben nach unten streichen. Der Geruch…

Sie: Aha. Das ist ja wieder mal typisch. Geiles Cover, anfassen, die Spalte suchen. Und dann der Geruch. Im Ernst, findest Du den Geruch von Druckerschwärze attraktiv? Warum kaufst Du Dir nicht so eine große Zeitung mit dicken schwarzen Buchstaben, wenn Du die aufschlägst, dann umhüllt Dich der Mief voll, er wickelt Dich geradezu ein.

Er: Ähm …

Sie: Was machst Du denn so?

Er: Ich sitze im Büro und knipsele an ein paar Tabellen rum.

Sie: Aha. Klingt langweilig. Bist Du deshalb on?

Er: Ehrlich gesagt, ja. Ich habe so einen öden Job, ich bin Buchhalter. Im Moment versuche ich die neue Office-Suite zu verstehen, aber es nervt; und es gibt eine super Taste, die Chef-Taste, dann verschwindet alles und ich kann in der wunderbaren virtuellen Welt unterwegs sein.

Sie: Aha. Armer Teufel.

Er: Warum bist Du so schroff?

Sie: Schroff? Das warst doch Du, der so einen blöden Anfang gemacht hat.

Er: Warum? Was ist daran falsch? Ich liebe Bücher.

Sie: Hör zu, Fernando: Du schreibst mich hier an und erzählst was von Buchcovern. Also ehrlich gesagt: Wenn Du Literatur liebst, dann kann es Dir doch nicht aufs Äußere ankommen, oder? Bei Literatur kommts auf die inneren Werte an. Ein Buch hat doch den Anspruch, nicht nur mit einem geilen Cover zu glänzen, nicht nur als GNTM-Retortenprodukt wahrgenommen zu werden. Ein Buch fordert immer: Lies mich!

Er: Ja, weiß ich doch. Das innere Auge geht auf, das Kopfkino an, die Imagination wird beflügelt. Du hast schon recht: Eigentlich ist für mich als passionierten Leser das physische Buch völlig unwichtig, weil ich ja ins Reich der Phantasie will – so wie ich auch im Kopf immer aus meinem Büro und von Excel weg will.

Sie: Trotzdem hast Du angefangen wie einer, der nicht liest. Wie so einer, der zu Hause Politikerbiographien, Gesamtausgaben und Bücher von Prominenten im Regal stehen hat. Die sind schon praktisch: da jeder darüber spricht, ist es keine Schande, wenn die Bücher nicht gelesen werden. Die Bücher werden einfach ins Regal gestellt, und der Besitzer der Bibliothek gilt dann in den Augen seiner Besucher als belesen. Ganz ehrlich: Wäre ich ein solches Buch, dann würde ich mich scheiße fühlen.

Er: Schon gut, schon gut. Jetzt mach mal nicht so wild. Ich lese auch elektronische Bücher. Ich habe ganz viele davon, auf meinem, ähm, Lesegerät.

Sie: Ein ganz netter bist Du, echt. Hast bestimmt einen Kindle, was?

Er: Öhm, ja.

Sie: War ja klar. Weißt Du, wo der Hase hinläuft? Man kann Textstellen markieren, die einem gefallen. Amazon sammelt diese Daten und macht so eine graue Strichellinie drunter. Das ist eigentlich dasselbe in grün: Die könnten ja gleich die entsprechenden Stellen grafisch aufhübschen. Das Buch kommt dann daher wie eine Kuh, die sich ihrem Esser anbietet und sagt: Schau her, das ist mein bestes Stück, hier ein Kotelett aus der Taille, das kann ich Dir empfehlen. Greif zu.

Er: Jetzt mach mal halblang. Du lässt mich ja gar nicht mehr aus der Schleife raus.

Sie: Ja, ja, ich weiß. Hast mich vielleicht auf dem falschen Fuß erwischt. Na, dann geh‘ doch Du mal voran, sag mal was Überzeugendes.

Er: So schlecht finde ich die digitalen Bücher gar nicht. Da gibt’s ne Menge mehr Möglichkeiten als beim Papierbuch…

Sie: Die da wären?

Er: Na, Töne und Videos zum Beispiel; die können das Leseerlebnis verstärken.

Sie: Im Ernst? Das glaubst Du? Weißt Du was, die meisten Leser wollen eigentlich beim Lesen nicht gestört werden. Die wollen allein sein, so wie sie das seit hunderten von Jahren gewohnt sind. Hör Dir das mal an:

 (If this soundfile works: Credits to Sonja)

Na bitte. Kannste gleich fernsehen. Die empfinden das als zuviel, dieses ganze Multimedia-Gesumse.

Er: Du bist ganz schön gemein. So meinte ich das auch nicht. Schau mal, wenn ich in die imaginäre Welt eines Textes reinkommen möchte, und es gibt etwas, was mir dabei hilft und die Einfühlung verstärkt, dann freue ich mich. Ja, ich würde mich freuen, wenn ich einen Lyrikband aus der Hochromantik aufschlage und dann kommt am Anfang ein Intro, dann bekomme ich Lust aufs Lesen; so etwa: 

Sie: Na, Du bist mir ja ein Süßer. Einfühlung? Ein Buchhalter mit Einfühlung? Wo ist die denn in Deiner Office-Suite eingebaut?

Er: Gar nicht. Die bringe ich selber mit.

Sie: Hm. Der Punkt geht an Dich.

[Später. . . . ]

Er: Caro?

Sie: Was denn, mein liebster Buchbinder?

Er: Buchhalter. Ich bin Buchhalter. Also nochmal: Du tust so, als ob Dich der ganze digitale Rammel nervt. Warum eigentlich?

Sie: Naja, gute Frage. So genau kann ich das auch nicht sagen, aus dem hohlen Bauch. Vielleicht liegt es daran, dass es noch keine guten Beispiele gibt.

Er: An was denkst Du denn dabei?

Sie: Also: Was gibt es denn schon? Hyperlink-Literatur gibt’s seit zehn Jahren, zum Beispiel. Da kommst Du Dir als Leser vor wie die Ratte im Labyrinth. Du latscht durch den Text, kommst an einen Abzweig und weißt nicht, wie es dahinter eigentlich wirklich weiter geht.

Er: Ja, verstehe ich. Kein Mehrwert – man weiß eigentlich gar nicht, wofür man sich entscheiden soll.

Sie: Genau. Du bist eigentlich genau so unfrei wie vorher. Es gibt immer hinter (oder über Dir) einen Gott, der Dir das Labyrinth gebaut hat. Und das ist der Autor. Also was soll da anders sein?

Er: Naja, aber inzwischen sind wir doch weiter – die Leser dürfen mitentscheiden, wie die Story weitergehen soll und so. Stephen King hat das mal ausprobiert.

Sie: Stimmt. Aber der ist ein superflexibler Erzähler und haut Massenprodukte raus. Das hat mit Halbfertigprodukt zu tun und nicht mit Literatur als Kunst. Also ich mag Literatur deshalb, weil mich dort ein Autor an der Hand nimmt und irgendwohin führt, wo ich noch nie gewesen bin – und wo ich selber vermutlich nicht alleine hingegangen wäre. Das ist es ja, was Literatur ausmacht: Neue Welten entdecken, und sich selbst dazu, weil man diese Facette an sich noch nicht wahrgenommen hat.

Er: Das fasst sich an wie ein Eingriff in das, was Du wirklich erzählen willst oder mitzuteilen hast.

Sie: Genau. Gift für Autoren.

Er: Aber Kommentare zum Text würde ich in der digitalen Umgebung erlauben. Hauptsache, es maßt sich keiner an, im Text rumzupfuschen, das würde ich irgendwie als Angriff auf seine Identität verstehen.

Sie: Vielleicht werden die Leser ja auch sagen, dass sie nur den Text haben wollen und nicht das Gesülze von Hans Wurst und Hans Käse. Das verstehe ich, und ich finde es ja auch toll, dass sie Text so haben wollen, wie er ist. Weil ich aber auch Kommentare in Ordnung finde, würde ich ihnen entgegenkommen und sagen: Schalt halt einen Filter dazwischen. Lies nur die Kommentare Deiner Freunde, Deiner Literaturpriester, nur die Kommentare, die auch andere Leser toll fanden. Das alles hätte den Vorteil, dass ich als Buch mich aus der Papierwelt verabschieden könnte. Mir kommt es nämlich auf die inneren Werte an, und die stünden dann im Vordergrund. Dass das Cover geil ist, nun: Das kommt dann noch dazu. – Hey, für einen Buchbinder bist Du gar nicht so doof.

Er: Ich bin Buchhalter. Bitte.

Sie: Und wieso bist Du dann die ganze Zeit on und quatscht mit mir?

Er: Naja, wir haben da so eine neue Software, Office365. Die sollen wir kennenlernen, aber ich bin kein Geek, das ganze verunsichert mich eher. Zu viele Möglichkeiten. Da haue ich lieber ab ins Netz.

Sie: Irgendwie bist Du ja schon süß.

[Später . . .]

Er: Du, Caro, wie alt bist Du eigentlich?

Sie: Er schon wieder. Gähn. Viel zu alt für Dich. So fünfhundert Jahre.

Er: Ahja. Hätt‘ ich mir ja denken können. Du, weißt Du, ich hab mir was überlegt und hoffe, es gefällt Dir. Also, Text hat was mit Textur zu tun, und das heißt, dass Schriftzeichen in Gewebe eingestickt werden können. So werden die zarte Stofflichkeit verwebter Schicksalsfäden und das dichte Geflecht literarischer Werke haptisch erfahrbar.

Sie: Ich höre?

Er: Man müsste digitales Lesen von der Papiermetapher ablösen (schon allein, um Steve Jobs mit seinem mimetischen iBooks zu ärgern). Es kann nicht sein, dass eReader immer nur eine ebene Fläche anzeigen und Eselsohren als Markierung anbieten. Warum wird der Text nicht als Inschrift auf der Oberfläche einer virtuellen Kugel angezeigt? Man könnte mit dem Finger von unten nach oben wischen, eine Art verräumlichtes Scrollen. Das wäre die angemessene Darstellung für Science-Fiction-Werke – die Zukunft auf der Glaskugel.

Sie: Nicht schlecht, Kleiner. So macht mir das Spaß. Man könnte auch eine unendliche Textlinie in den Raum legen – der Leser folgt dem Text durch den Raum, indem er sich an der Zeile entlanghangelt wie an Ariadnes Faden. Eine Möglichkeit für Labyrinth-Texte von Dädalos bis Homo Faber.

Er: Genau. Oder jedes Wort wird auf den Rücken eines Insekts geheftet, die in unendlicher Abfolge vor den Augen des Lesers von rechts nach links durchs Bild wandern. Wir bekämen auf magische Weise inszenierte Textwelten.

Sie: Mein lieber Buchbinder, Du beweist ja richtig Phantasie! Ich liebe Spinnen – und Bücherwürmer.

Er: Ich kann mir vorstellen, dass sich das digitale Buch verändert, weil ich es oft aufschlage. Beispielsweise könnte das Buch nach dem zehnten Mal anfangen zu vergilben. Die Seiten werden immer gelber und gelber. Und dann rissig. Und dann zerfällt es. Am Ende bleiben nur noch meine Lieblingsstellen übrig, weil ich sie markiert habe.

Sie: Lieber Zahlenschieber – ich muss richtig lächeln; nur zu.

Er: Ich würde Autoren lieben, die die digitalen Möglichkeiten in einer kreativen Weise ausschöpfen. Zirkuläres Erzählen eröffnet beispielsweise großartige Varianten. In Stanislaw Lems "Sterntagebüchern" findet man eine solche Geschichte – die mit den 49 Gravitationsfeldern –, grausig-gruselig auch Jack Londons "Zwangsjacke". Wiederholungsstrukturen sind in Gespenstergeschichten Standard, und wegen der logischen und chronologischen Brüche werden sie häufiger in phantastischer Literatur eingesetzt als in realistischer. Diese literarische Form ließe sich leicht elektronisch umsetzen: Man könnte eBooks herstellen, in denen die Leser immer wieder an einen Anfang oder eine sich wiederholende Szene zurückkehren. Statt einer Lesefortschrittsanzeige könnte man eine kleine Uhr rechts oben einblenden – wenn der Zeiger wieder auf zwölf steht, ist man wieder zurück. Und da ich ja weiß, ob und wie der Leser hier schon angelangt ist, wähle ich einfach eine neue Erzählschleife aus. Eine neue Erzählung, die wieder voranschreitet, bis der Leser einen Ausweg findet.

Sie: Sag mal, schreibst Du eigentlich selbst?

Er: Öhm, ja. Aber das tut hier eigentlich nichts zur Sache. Vielmehr würde ich mir Autoren wünschen, die darüber nachdenken, wie die Möglichkeiten digitaler Bücher die Form ihres Schreibens bereichern könnten. Sicher mögen es die Leser, wenn man ihnen keine Gewalt antut und sie mit multimedialem Gesummse nervt. Das heißt aber nicht, dass man sie nicht hinters Licht führen, überraschen und mit erzählerischer Brillanz beeindrucken darf. Wenn zum Beispiel von einem vergesslichen und verwirrten alten Mann erzählt wird, der sich im letzten Drittel des Textes nicht mehr genau an den Inhalt eines Liebesbriefes erinnert, den er in seiner Jugend geschrieben hat – dann weiß doch jeder, dass die Leser zurückblättern werden bis zu der Stelle, wo der Brief der Jugendzeit das erste Mal abgedruckt wurde. Und weil das Buch weiß, welche Seite wann gelesen wurde, könnte man sich den Spaß erlauben und dem zurückblätternden Leser einen Brief zu lesen geben, der anders ist als der, den er beim ersten Mal gelesen hat. Bestimmt wäre der Leser dann verwirrt, so wie der alte Mann, von dem erzählt wird. Der Leser könnte sich dann besser in ihn einfühlen, und er könnte sich ebensowenig wie der Mann erklären, wie dieser Liebesbrief das Herz einer Frau gewinnen konnte.

Sie: Oh, Dear, wow. Jetzt hast Du mich.

Posted by Henrieta Juhasz
Volontärin Presse und Öffentlichkeitsarbeit