Nikola Richter gründete Anfang des Jahres den Verlag microtext, der sich auf kurze digitale Lektüren spezialisiert hat. Als Journalistin schreibt sie unter anderem für den Tagesspiegel und betreut Blogs für kulturelle und politische Themen, ebenso führt sie einen eigenen Blog. Getreu dem vorgegeben Hashtag #einfachmachen ließ sich Nikola Richter beim Office365 Kreativwettbewerb völlig vorurteilsfrei auf die zur Verfügung gestellten Devices Surface Pro 2, Windows Phone und die Office365 Software ein und ließ ihren Gedanken freien Lauf. Nicht immer wollte die Technik so, wie sie es sich vorgestellt hatte und so lautet ihr Fazit: „Wer digital schreibt, muss durch die Geräte durch. Die Geräte schreiben die Texte mit.“

Hier ist das Video von Nikola Richter, das während des Kreativwettbewerbs entstanden ist:

 

Und hier kommt Nikolas Beitrag zum Office 365 Kreativwettbewerb in voller Länge: 

Aus dem Maschinenraum der digitalen Literatur. Lose Gedanken beim Kennenlernen von Geräten

Zwei Tage lang bin ich ausgestattet mit zwei ultraneuen Geräten in München bei einem so genannten Kreativ-Wettbewerb gewesen. Motto: Einfachmachen. Einfach mal einen Text in zwei Tagen schreiben, der sich mit digitaler Literatur auseinandersetzt. Meine Denkergebnisse hier.

tldr: Der Text muss durch die Geräte durch.

Im Karl-Valentin-Musäum, München.

Das leere Blatt gibt es nicht mehr. (Tränen, die Tinte verwischen, auch nicht. Ende des romantischen Blocks).

Das leere Blatt ist noch nicht einmal mehr ein Symbol für das Erschaffen von Texten. Denn das leere Blatt wurde von Reitern, Dateien, Programmen, Kacheln und Kanälen abgelöst. Der Einzug eines Blattes in die Schreibmaschine wurde ersetzt durch den Klick auf ein Symbol auf dem Schreibtisch, das laute Reinhauen in die Tasten durch samtiges Tippen. Werden Tipptöne auch von Sounddesignern geplant, so wie das Geräusch einer zufallenden Autotür? Das leere Blatt ist heute ein Spielplatz für die Backspacetaste. Es ist kein Archiv mehr, es ist ein Zustand. Er ist der weiße Saal, in dem die zehn oder weniger Finger das Buchstabenballett tanzen.

Schön ist es, dass der Schreibtisch noch Schreibtisch heißt, aber in unserem “digital English” nennt er sich Desktop, wörtlich übersetzt: Oberfläche eines Tisches. Schreib-Unterlage. Der digitale Schreibtisch muss, genau wie der analoge, auch aufgeräumt werden. Das geht aber auch über einen Klick (für Schnelle: alles markieren & ab in den Mülleimer, für Ordentliche: einzelne Dokumente öffnen, lesen, ablegen). Der Schreibtisch ist Speicherort, Ablage, Archiv, Arbeitsgerät, Büro, Fotogalerie für süße Katzenfotos, Reiseerinnerungen, Babybilder. Also ist er immer noch ein Raum von Privatsphäre.

Schreiben ist ein alter Hut: Ob digital oder nicht, man braucht einen Raum und ein Gedankenraster.

In den Schreibkästen, den Schreibfenstern der sozialen Netzwerke verlässt der Text am stärksten das Klischee der Seite. Dort gibt es keine Seitenzählung mehr, die im Design vieler digitaler Schreib- und Druckprogramme (Word, Open Office, Adobe) noch aufrechterhalten wird. Der Stream geht durch viele Augen in die Gehirne, er wird kollektiv geschrieben. Manchmal heben sich einzelne Wörter und Sätze heraus. Weird Twitter. Wild Twitter. Allerdings hat auch er einen Anfang (man muss nur weit zurückscrollen) und sein Ende liegt im heutigsten Heute, im letzten Post.

Bleiben wir bei Twitter: Der Stream kann durch Hashtags gesammelt und gefiltert werden. Ein Wort macht sozusagen die Masse an Worten erst lesbar. Aber erst, wenn sich ein Hashtag wirklich durchsetzt, bekommt er dialogisches Leben. Die auffälligsten Netzdebatten der vergangenen  Monate waren da der Hashtag #aufschrei um Sexismus im Alltag und zu Angela Merkels Ausspruch, das Internet sei #neuland. Wer diese Hashtags heute eingibt, liest vielstimmige Essays zu diesen Themen, erhält weiterführende Links, kann sich mit Ähnlichdenkenden vernetzen. Aber ist das digitale Literatur, was sich über Hashtags lesen lässt? Ist es nicht eher ein Chat einer gut informierten Gruppe? Braucht Literatur nicht einen Anfang und ein Ende? Zumindest eine Form – ein Raster?

Texte sind Information. Sie speichern sich ein, sie lesen sich aus. In den Strom. An manchen Stellen hält der Strom noch an: beim klassischen Buch, auch beim Ebook, bei Blogs, die wenig verlinken, die also eine Pause in unserer Streamkultur ermöglichen.

In diesem Text verlinke ich nix.

Am Morgen trat ich auf eine Schraube. Sie bohrte sich zwischen meinen Zehen hindurch, die Sohle ist nun durchlöchert. Zunächst dachte ich, hier wäre ein Kiesel, der wie Gummi festklebte, ein gefrorenes Kaugummi, aber es war eine silberne Schraube. Zu groß für jeden Rechner. Eine Dino-Schraube. Jedes Kind sollte heute in der Schule einen Feinmechaniker-Schraubenschlüssel bekommen und mindestens einen Rechner auseinandergebaut haben. Ich habe die Schraube weggeschmissen.

Rauten.

Schief angeschnittene Blätter.

Wer in einem Stream veröffentlicht, schreibt zerbrochen. Wer einen Stream liest, liest chronologisch. Dabei ist die größte Errungenschaft der Moderne, die Chronologie des Erzählens aufgebrochen zu haben. Allerdings sind wir jetzt nicht in einem Backlash, der das Chronologische herbeizitiert, sondern in der Vielstimmigkeit der Chronologie. Sie reichert die Wahrnehmung an, das Wissen, den Austausch.

Für ein Blogger-Treffen während des Münchner Literaturfests, das Microsoft veranstaltet hat, bin ich mit neuen Geräten ausgestattet worden, auch mit neuer Software. Ich habe Stunden damit verbracht, das Wlan-Zeichen zu finden und zu aktivieren, ich habe mich an die Tastatur des so genannten Surface (eines Tablets) gewöhnen müssen. Ich habe es nicht geschafft, parallel im Internet zu lesen und einen Text zu schreiben, meine Schulter verkrampfte sich.

Ich habe dann schließlich auf Facebook gefragt, an welchen Münchner Orten eine Münchengeschichte spielen könnte, denn ich wollte nicht nur vor dem Bildschirm hängen. Die Ergebnisse: Eisbach, Alter Nordfriedhof, P1, Neuperlach-Einkaufszentrum ab 17 Uhr, wenn‘s draußen schon dunkel ist, Arabella-Park, München-Laim oder Pasing, Weißes Brauhaus (“wo Achternbusch auf japanische Touristen trifft”), Karl-Valentin-Musäumscafé (zum Stundenlang mitschreiben). Danke an alle Tipp-Geber!

Da bin ich hingegangen. 2,50 Euro Eintritt, geöffnet ab 11.01 Uhr. Fotografieren erlaubt. Ich habe Karl Valentins Beine so fotografiert, dass sie aussehen wie die eines Sensenmannes aus einem Horrorfilm (weil mir wieder das Surface fast aus der Hand gerutscht ist).

Wer digital schreibt, muss durch die Geräte durch. Die Geräte schreiben die Texte mit. Sie eröffnen Möglichkeiten, aber sie trainieren uns, wir müssen ihre Spielregeln mitspielen. Sonst sind wir nicht gut drauf.

Posted by Henrieta Juhasz
Volontärin Presse und Öffentlichkeitsarbeit