Wulf Bengsch führt in seiner Freizeit den Blog Medien-Journal – darin schreibt er über Bücher und Filme. Für den Office365 Kreativwettbewerb hat sich Wulf sozusagen auf die andere Seite gewagt - nämlich in die Rolle eines Autors. In der Funktion dieser Rolle hat er sich mit dem Thema des Wettbewerbs „New Storytelling“ auseinandergesetzt.

Wulf schreibt auf seinem eigenen Blog über die Zeit im Literaturloft: „Ausgestattet mit Microsoft Office 365 auf zwei Endgeräten, einem Windows Phone und einem Surface-Tablet, galt es, das Thema auf beliebige Weise binnen anderthalb Tagen zu bearbeiten. Eine wirklich einmalige Erfahrung, eine unsagbar großartige Atmosphäre, ein für einen „kleinen“ Blogger gänzlich ungewohntes Maß an Aufmerksamkeit (einschließlich Kamerateam!), prominente Gäste (Cosma Shiva Hagen) und Mentoren (Richard Gutjahr) und ein durchweg sympathisches Microsoft-Team und nicht zuletzt die Ideengeberin zum Kreativwettbewerb, Julia Schmitz – oder besser bekannt als Fräulein Julia – haben die Zeit für mich zu einem unumwunden positiven Erlebnis gemacht, das ich in meiner Erinnerung in Ehren halten werde.“

Wie Wulf zum Bloggen kam, was ihn daran interessiert, was ihn inspiriert und welche Arbeitsmittel er verwendet, erzählt Wulf in diesem Video, das während des Kreativwettbewerbs entstanden ist.



Hier kommt Wulfs Beitrag in voller Länge:

#OldStorytelling

Darf ich mich kurz vorstellen? Ich bin ein Autor, folglich habe ich eine Geschichte zu erzählen, denn ich habe einen Roman geschrieben. Dank der Bemühungen meines Verlages wurde über besagten Roman euphorisch in den einschlägigen Feuilletons berichtet und du bist darauf aufmerksam geworden. Folgerichtig begibst du dich in die nächste Buchhandlung, erwirbst mein Buch, liest es und bist begeistert oder auch nicht – ich weiß es nicht – und legst es zur Seite. Ende.

#NewStorytelling

Moment, ich merke schon, da ist irgendwas nicht richtig gelaufen. Lass uns am besten noch einmal von vorne beginnen, denn irgendwie scheint mir entgangen zu sein, dass wir uns mittlerweile im Jahr 2013 befinden und das Web 2.0 wie auch Social Media längst keine Zukunftsutopien im Rahmen der wachsenden Digitalisierung sind. Beginnen wir also von vorn:

Ich bin – ich erwähnte es bereits – ein Autor und möchte dir eine Geschichte erzählen. Natürlich liest du schon längst nicht mehr das Feuilleton, doch den Bemühungen meines Verlages zum Dank wirst du über die gängigen Kanäle der Sozialen Netze auf mein Buch aufmerksam, begibst dich anhand des Hashtags #DesAutorsneuerRoman im Netz auf die Suche und landest über Facebook wie auch Twitter oder gar Google+ auf zahllosen Blogs, die dank Vorab-Rezensionsexemplaren bereits euphorisch über mein Werk berichtet haben. Da du dringend neuen Lesestoff benötigst, erscheint der Weg in die Buchhandlung viel zu lang und stattdessen orderst du über das Internet die eBook-Ausgabe meines Romans, die sich prompt mit deinen mobilen Endgeräten – ob Smartphone oder Tablet – aktualisiert. Zum Glück sind in dieser digitalen Version bereits sämtliche, nachträglich eingefügten Korrekturen berücksichtigt und mein Roman auf dem neuesten Stand. Zum Kauf hinreißen lassen hast du dich natürlich erst, nachdem du die rund zwanzigseitige Leseprobe mittels QR-Code auf dein Smartphone geladen, gelesen und für gut befunden hast. Dafür an dieser Stelle schon einmal vielen Dank!

Nun gut, du hast die Leseprobe konsumiert, warst anscheinend angetan und hast mein Buch erworben. Dem hübschen Cover zum Dank, das auch auf deinem eReader gut zur Geltung kommt, fühlst du dich genötigt, ein Bild deines Kaufes bei Instagram einzustellen und direkt auch auf Twitter sowie Facebook zu teilen, um deine Freunde und Bekannten darüber zu informieren. Du beginnst die Lektüre und prompt nach Kapitel zwei fällt dir die erste Unstimmigkeit auf und du willst dich darüber beschweren, dass ich eine dir sympathische Figur habe sterben lassen. Via Tweet informierst du mich über deinen Unmut und versäumst es nicht, auch den Verlag zu taggen, woraufhin sich der zuständige Lektor genötigt sieht, süffisant zu erwidern, dass er besagte Stelle ebenfalls bemängelt, der Autor – also ich – sich aber als uneinsichtig erwiesen hat, noch ehe ich selbst die Chance habe, auf deine Nachricht zu reagieren. Ich antworte, versuche mich für diese Entscheidung zu rechtfertigen, während sich andere Twitter-Follower in die Diskussion einklinken. Während der Diskurs im Sande verläuft liest du weiter, stößt auf ein dir unbekanntes Wort, doch dank Verlinkung zum angehängten Glossar ist schnell Abhilfe geschaffen. Von dort driftest du zwar kurz ab und vertiefst dich in weiterführende Online-Recherchen zu dem dir vormals unbekannten Begriff, kehrst aber schlussendlich zu meinem Buch zurück.

Nach den ersten Kapiteln fällt dir ein, deine Freunde bei LovelyBooks oder auch Wasliestdu? noch nicht über dein neues Buch informiert zu haben und fügst meinen Roman deiner Liste „Aktuelle Lektüre“ hinzu, inklusive Seitenzahl, die du natürlich mehrmals täglich aktualisierst. Zu meiner Freude beendest du die Lektüre ohne weitere Zwischenfälle und bist schließlich doch recht angetan von dem, was ich auf das digitale Papier gebracht habe. Das zieht nach sich, dass du beschließt, über das Buch auf deinem Blog zu berichten, der selbstverständlich in denselben sozialen Netzen vertreten ist, wie du selbst es bist. Folglich verfasst du eine dem Grunde nach wohlwollende Buch-Kritik und veröffentlichst den Link bei Facebook, Twitter und Google+, was wiederum einiges an Resonanz nach sich zieht und während du dich für deine wohlwollenden Worte zu rechtfertigen versuchst, rechtfertige ich mich für meinen Roman als solchen, da du es erneut nicht versäumt hast, mich ebenfalls zu verlinken, so dass ich mich in die Lage versetzt sehe, als Multiplikator nicht nur deinen Blog-Artikel, sondern natürlich indirekt auch mein Buch zu bewerben.

Nachdem du deine – durchaus fundierte – Buch-Kritik, erneut unter dem Hashtag #DesAutorsneuerRoman, veröffentlicht hast, sehe ich mich einer Masse an Emails und Nachrichten gegenüber, die sich über ebenjene Punkte beschweren, die du beispielsweise auch in deinem Tweet erwähnt hast. Während ich mich der Flut an Anfeindungen und gut gemeinten Kommentaren zu erwehren versuche, aktualisierst du in aller Gemütsruhe dein LovelyBooks- und Wasliestdu?-Profil, schließt mein Buch für dich persönlich ab und packst es auf die Liste „Gelesene Bücher“.

Ende.

Ende? Natürlich, für dich ist es das Ende und für dich mag es eine schöne neue Welt sein, frei nach dem Buchtitel von Aldous Huxley, doch für uns Autoren bricht nicht unbedingt eine rosige Zeit an, denn auch wenn wir den Diskurs, das Feedback unserer Leser lieben, ist es doch auch so, dass ihre Wünsche und Vorhaltungen unsere Kunst zu korrumpieren drohen. Es geht nicht darum, dass mich die Meinung eines Twitter-Followers nicht interessieren würde, doch nur, weil jemand am lautesten schreit, bedeutet das nicht, dass er auch die Meinung der Allgemeinheit vertritt und ähnlich vorsichtig sind all jene Äußerungen zu werten, die du und deine Follower tätigen. Neben dem eigentlichen Schreiben schiele ich nun stetig auf die Sozialen Netze, durchforste das Web nach neuen Erwähnungen meines Buches, sondiere die Meinungen und Anmerkungen, kommentiere und favorisiere nach Möglichkeit die entsprechenden Veröffentlichungen und frage mich ein wenig, wann ich künftig die Zeit finden soll, meinen nächsten Roman zu verfassen.

Zumindest beschließe ich, einen anderen Weg einzuschlagen, lasse mich künftig von den Anmerkungen und der Kritik meiner Leser inspirieren, veröffentliche Rohentwürfe und Manuskriptideen in Absprache mit meinem Verlag, suche im Vorfeld bei den Bloggern und anderen Netzaffinen nach geeigneten Multiplikatoren, engagiere mich für eine Facebook-Fanpage für mein nächstes Werk und veröffentliche bei Youtube einen Buch-Trailer, der Interesse wecken soll. Bei LovelyBooks und Wasliestdu? initiiere ich Vorab-Leserunden und arbeite das Feedback nach eigenem Ermessen in meinen Text ein. Mit Blick auf die Möglichkeiten eines eBooks wird es je nach Format multimediale Passagen geben, so dass der Leser – wenn ich beispielsweise ein Gemälde beschreibe – sich dieses auch ansehen kann. Während ihr schon längst auf kürzesten Wegen mit Filmstars, Politikern und Privatmenschen kommuniziert, wage auch ich mich nun aus meinem Elfenbeinturm, denn die populärer werdenden eBooks haben nicht nur die Literatur an sich ins Zeitalter der wachsenden Digitalisierung geführt, sondern auch Literaturschaffende wie mich, die sich erst langsam der Chancen und Möglichkeiten bewusst werden.

Die Zukunft des Buches ist ungewiss und ebenso die des Autors, denn in einer Welt, wo Autoren auch Blogger, Blogger auch Journalisten und Buchverleger auch Social-Media-Experten sein können, verschwimmen die Grenzen zusehends und ebenso ist das Bild der klassischen Vertreter der Literaturbranche im Wandel begriffen. Es wird nicht unbedingt zur Folge haben; dass wir Autoren verschwinden, doch die, die bleiben, werden die Relevanz des digitalen Marktes akzeptieren müssen, um überleben zu können. Es ist eine schöne neue Welt, eine Welt des New Storytelling, doch wie genau sich das auf den Literaturbetrieb als solchen auswirken wird bleibt abzuwarten, denn noch sind wir in der Phase, die Bedeutung und das Potential dieser neuen Märkte, dieser neuen Literaturaffinität auszuloten und nutzbar zu machen: Und kein Aldous Huxley wird fähig sein, vorherzusehen, wohin die Reise in den nächsten Jahren noch gehen mag.

PS: Wir Autoren allein sind dankbar, dass es noch immer keinen „Gefällt mir nicht“-Button bei Facebook gibt – wir wüssten mit dieser zusätzlichen Schmähung nicht umzugehen.

Posted by Henrieta Juhasz
Volontärin Presse und Öffentlichkeitsarbeit