Die ITK-Branche gilt zu Recht als einer der wichtigsten Innovationsmotoren unserer Gesellschaft. Zu den faszinierenden Nebenwirkungen der letzten Jahre gehört, dass Gespräche über Computer & Co längst aus der vermeintlichen Experten-Ecke an den Frühstückstisch der Familie und in die Kaffeeküche der Büros gewandert sind. Vielfältige neue Formfaktoren und Einsatzmöglichkeiten von PCs, Ultrabooks, Tablets bis hin zu smarten Phones  und ebensolchen Fernsehern liefern reichlich Inhalte und Gesprächsstoff. Das „Digitale“ begegnet uns in immer neuen Gewändern und Formen, verändert und bereichert unseren Alltag. Mal erscheint es unfassbar in der Gestalt von Datenwolken, dann hört es auf Sprache, reagiert sensitiv auf Berührungen oder gibt sich bodenständig in Form  hüpfender und winkender Zeitgenossen vor einem Bewegungssensor.

Die Erkenntnis, dass heutige Smartphones mehr Rechenpower besitzen als der Bordcomputer der legendären Apollo-Rakete, ist zwischenzeitlich ebenso Bestandteil des nicht weiter hinterfragten Common Sense, wie das nachvollziehbare Unbehagen einem heutigen Smartphone – passende App und Schnittstelle mal vorausgesetzt - tatsächlich einen interstellaren Raumflug zu überlassen oder ihm auch nur das eigene Steuer für die Fahrt durch die Berliner Rushhour anzuvertrauen. Was zeigt:  Auch im digitalen Zeitalter von Facebook, Skydrive, Twitter & Co gibt es genügend Raum und Gründe für Verschiedenheit und Individualität. Digitalität heißt eben nicht Gleichmacherei. Im Gegenteil: Durch das Digitale entsteht mehr Vielfalt. Vielfalt an Endgeräten, Online-Services, Einsatz- und Nutzungsmöglichkeiten.

Allerdings bleibt das Bedürfnis nach Simplizität auch im digitalen Zeitalter ein starkes analoges und damit menschliches Grundbedürfnis – je nach Naturell mal mehr und mal weniger. Davor sind weder ITK-Anbieter noch professionelle Marktbeobachter gefeit. Zuletzt geschehen und zu lesen bei Goldman Sachs. Dortige Experten haben sich das „Digitale“ genauer angesehen und ausgerechnet, dass der Marktanteil von „Windows“ innerhalb weniger Jahre von weit über 90 Prozent auf aktuell 20 Prozent gesunken sei.  Was die größte deutsche Boulevard-Zeitung zu der doch immerhin sorgenvollen Bemerkung veranlasste:  Wie konnte das passieren? Und ich muss zugeben:  Auch mich hat es am Frühstückstisch geschüttelt! Wie kann das passieren? Zumal ich im letzten Businessmeeting noch Charts gesehen zu haben glaube, die die Messlatte für PCs,  Laptops und Ultrabooks immer noch in stabiler Seitenlage ganz weit oben sehen und ein starkes Momentum für Windows 8 und Windows Phone 8 konstatieren?

Des Rätsels Lösung ist allerdings so plakativ, wie die Werbung einer bekannten Baumarkt-Kette: „20 Prozent auf alles was einen Stecker hat“. Die Marktauguren haben einfach mal alle digitalen Endgeräte-Kategorien in einen Topf geworfen, sorglos durchgerührt und so einen neuen Prozentmix erhalten.  Zugegeben: das geht! Aber warum dann nicht noch mehr da reinmixen!? Server? NAS-Laufwerke? Datenbanken? Bestandssysteme? Embedded Lösungen? Kassenautomaten? Logistik Tablets? Automotive? Spielekonsolen? Ja – und auch die gute alte Waschmaschine, der Lichtschalter und die Kaffeemühle sind bereits im digitalen Zeitalter angekommen!

Die Antwort liegt auf der Hand: Weil wir dann Äpfel mit Birnen vergleichen! Jedenfalls rein statistisch betrachtet! Es versperrt den Blick auf die Vielfalt und die Differenzierung. Wenn der Apfel zur Birne wird, dann ist das Ultrabook noch immer kein Smartphone – und umgekehrt! Ich persönlich sehe jedenfalls lieber ganz genau,  wie sich der Apfel- und der Birnenmarkt entwickeln. Auch wenn beides Obstsorten sind. Und deshalb vielleicht ein versöhnlicher Gedanke zum Jahreswechsel: Wie wäre es mit einem Reinheitsgebot für Statistiken?

 

Posted by Thomas Mickeleit

Director Communications