Beim gestrigen Fernsehduell der US-Vizepräsidentschaftskandidaten lieferten sich der demokratische Amtsinhaber Joe Biden und sein republikanischer Herausforderer Paul Ryan einen heftigen 90-minütigen Schlagabtausch. Biden teilte ordentlich aus, nach der CNN-Zuschauerbefragung gewann jedoch Ryan die Debatte mit 48 Prozent. Den Vizepräsidenten hielten nur 44 Prozent für den Gewinner. Wer letztendlich das Rennen machen wird, entscheidet sich am 6. November.

Gemeinsam mit dem Microsoft Research Lab Team in New York City forscht der Ökonom David Rothschild an neuen Umfragemethoden. Schwerpunkt seiner Arbeit ist momentan die Präsidentschaftswahl in Amerika. Die Frage, welcher Kandidat mit höchster Wahrscheinlichkeit die Wahl gewinnen wird, versucht er mit einer neuen Methode und mit Hilfe der neuesten Xbox Technologie zu beantworten. Die Xbox Live Nutzergruppe von Microsoft ist momentan vermutlich die weltweit größte wissenschaftliche Versuchsgruppe. Während der vier Fernsehduelle im Wahlkampf versucht Microsoft Research mithilfe der Xbox Konsole, Aussagen über das Wahlverhalten von US-Bürgern zu untersuchen. Die Xbox, die den meisten vermutlich vordergründig als Gaming Plattform bekannt ist, liefert unter anderem „on-demand- devices“, die für diese Studie hilfreich sind.

Die bisher bekannten, klassischen Umfragemethoden, die momentan noch vor einer Wahl eingesetzt werden, haben sich seit 75 Jahren kaum verändert. Meist finden diese Umfragen kurz vor einer Wahl statt und sind laut Rothschild völlig unbrauchbar. Möchte man beispielsweise eine neue Jeans in den Markt einführen, bringt es auch nichts, einen Abend vor der Einführung zu wissen was dem Kunden gefallen könnte. Vor allem nicht, wenn schon alles produziert wurde. Wirklich interessant ist schon zwei Monate vor der Markteinführung zu wissen, was den Geschmacksnerv treffen wird und welche Jeans populär werden könnte, um dann richtige strategische Maßnahmen durchführen zu können.

Während die TV-Debatte live über die Xbox gestreamt wird, werden die User zeitgleich interaktiv zu ihrer Meinung befragt. Die Antworten werden dann in Echtzeit auf deren TV-Screens tabelliert. Während der ersten Befragung werden auch demographische Daten der jeweiligen User erfragt. David Rothschild ist der Meinung, dass die Untersuchung und tägliche Befragung der Gruppe von Xbox Usern Aufschluss über Hunderte von anderen potenziellen Wählern gebe. Hauptzielgruppe der Befragung sind Wähler, die zunächst  eine unentschlossene politische Meinung haben, plötzlich zu einem überzeugten Unterstützer einer der beiden Kandidaten mutieren oder in Abwechslung den jeweils anderen Kandidaten unterstützen. Sobald sich die User auf ihrer Xbox anmelden, werden sie täglich dazu aufgerufen, neue und laufende Fragen der Umfrage zu beantworten. Am Montag, den 1. Oktober, wurden die Teilnehmer beispielsweise zu Themen wie Steuern, medizinischer Versorgung, soziale Absicherung und nationaler Verschuldung befragt als auch über ihre Präferenzen für potentielle Kandidaten. Rothschild geht davon aus, dass diese Art der Befragung via Xbox eine neue Dimension der Umfragetradition schafft und in einer ausgereiften Form in vielen anderen Anwendungsbereichen einsetzbar ist. So sieht er die Zukunft des TV in dieser Art der Interaktion. Sendungen oder Casting-Shows könnten von Zuhause aus mitgestaltet werden. Für einen Kandidaten stimmen, einen Gewinner wählen oder eine Präferenz per Knopfdruck  äußern, wird in Zukunft durch Devices, wie die der Xbox-Live möglich werden.

An manchen Stellen ist das Forschungsdesign noch verbesserungswürdig. So akzeptiert die Konsole während der Befragung nur Antworten von ausschließlich einer gespeicherten User-ID. Das bedeutet, dass in Haushalten mit mehreren IDs nur eine Antwort während der Umfragezeit zulässig ist. Die Frage was passiert, wenn eine gesamte Familie vor dem  TV sitzt und zu interaktiven Fragen antworten will, ist nach wie vor unbeantwortet und laut Rothschild „tricky“. Die durchschnittliche Zielgruppe der zu untersuchenden Xbox-User ist männlich und circa 25 Jahre alt und am politischen Geschehen tendenziell uninteressiert. Leider beinhaltet diese Tatsache mitunter auch einer der statistischen Fehler der Studie. Eine beispielsweise 70-jährige Rentnerin wird vermutlich nicht von dieser Xbox-Studie angesprochen. Dennoch können anhand der Methode Zusammenhänge über politisches Wahlverhalten aufgezeigt werden, denn die Zielgruppe, die über die Xbox angesprochen wird, ist laut Rothschild durch Telefonbefragungen sehr schwer zu erreichen.

Wie aussagekräftig und signifikant die Methode ist und welchen Mehrwert diese Art der Befragung hat, wird sich spätestens am Tag der US-Wahl am 6. November zeigen.

Weitere Informationen und ein Interview mit David Rothschild finden Sie unter: http://research.microsoft.com/en-us/news/features/rothschild-092612.aspx

Weitere Links:
http://dcist.com/2012/10/microsoft_wades_into_election_with.php
http://research.microsoft.com/apps/video/default.aspx?id=173400

Posted by Barbara Steiger
Communications Manager Entwicklungssoftware und Innovation