Rund ein Jahr nach der Ankündigung und 6 Monate nach der ersten Beta-Version liefert Microsoft mit dem Internet Explorer 9 die finale Version eines zentralen Elements der Partner- und Kundenbindungsstrategie sowie Cloud-Offensive aus. Mit diesem Release verlässt Microsoft den gewohnten Zyklus, eine neue Browser-Variante im Zusammenhang mit einer neuen Client-Betriebssystemgeneration an den Markt zu bringen. Hiermit wird dem zunehmenden Marktdruck von Google mit seinem Chrome-Browser sowie von Mozillas Firefox Tribut gezollt.

Mit dem neuen Internet Explorer 9 trägt Microsoft auch der Entwicklung Rechnung, dass Online-Inhalte im Mittelpunkt der Computer-Nutzung stehen. Dabei ist der Browser nicht mehr nur das Eingangstor ins World Wide Web, sondern vielmehr die zentrale Schnittstelle in der Interaktion zwischen Anwender und Applikation/Maschine. Neben einer neuen Benutzeroberfläche wartet der IE9 daher mit zahlreichen effizienzsteigernden und sicherheitsrelevanten Funktionen auf.

Microsoft wird den Browser für Windows 7 und Vista bereitstellen. Dass der IE 9 nicht für Windows XP bereitgestellt wird, ist ein konsequenter und richtiger Schritt von Microsoft. Durch das bereits überholte Betriebssystem würden die Leistungen des Browsers gehemmt. Allerdings werden hierdurch derzeit noch knapp 50 Prozent der Anwenderunternehmen ausgeschlossen - nämlich jene, die noch auf das veraltete Betriebssystem Windows XP setzen. Dennoch sind die unterschiedlichen Produktgenerationen des Internet Explorer von Microsoft nach Analysen en der Experton Group die bevorzugten Browser der Anwenderunternehmen. Im Rahmen einer Studie aus dem Frühjahr 2010 mit IT-Entscheidern in Unternehmen mit mehr als 500 PCs gaben 71 Prozent der Befragten an, den Internet Explorer in seinen Versionen 6,7 oder 8 als Standard-Browser einzusetzen.

Microsoft kämpft allerdings nicht nur mit dem Wettbewerb um den Browser-Markt, sondern muss sich auch mit den Sünden aus der Vergangenheit auseinandersetzen.

Noch immer wird der Internet Explorer im Allgemeinen mit den Schwächen des IE6 in Verbindung gebracht. Schließlich stellt der IE6 die größte Schwäche in der Browser-Story von Microsoft dar. Er ist veraltet und gehört deshalb ausgemustert. Dies versucht Microsoft aktiv zu beschleunigen und hat neben konkreten Unterstützungsleistungen für Anwenderunternehmen auch zahlreiche Marketingaktivitäten gestartet. Aktueller Höhepunkt ist eine Art „Ausstiegsprogramm", in welchem über Migrationsszenarien aufgeklärt wird.

Für viele Unternehmen ist es, bedingt durch ihre vorhandene Applikationsstruktur, nicht leicht, den Umstieg vom IE6 auf eine neuere Version zu stemmen. Soweit die allgemeingültige Meinung. Die Untersuchung der Experton Group zeigt jedoch ein differenzierteres Bild: So gaben lediglich 20 Prozent der befragten IT-Entscheider an, dass neuere Browsergenerationen nicht mit allen Applikationen kompatibel seien. Weitere 17 Prozent sehen den Anpassungsaufwand als zu hoch an. Die restlichen Befragten haben jedoch eher andere Motive, einen Browserwechsel nicht aktiv voranzutreiben. Sie sind überzeugt, dass der IE6 „sich bewährt" hat, und sehen somit auch „keine Notwendigkeit" für eine Veränderung.

Diese Einstellung ist nicht nur grob fahrlässig, sondern wird die Organisationen spätestens zum Ende des Lebenszyklus von Windows XP vor einige Herausforderungen stellen. Auch kann Microsoft hier nur bedingt der Vorwurf gemacht werden, dass sie den selbst verursachten „Vendor-Lock-in" nicht bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag unterstützen. IT-Verantwortliche in Unternehmen, die noch immer auf den IE6 vertrauen, müssen zwingend eine Migrationsplanung aufsetzen. Hierzu zählt neben strategischen Aktivitäten unbedingt eine umfassende Testphase. Auch wenn der Markt der führenden Browser relativ überschaubar ist, sollte eine Shortlist von drei bis vier Browsern (Firefox, Safari, Opera und IE9) erstellt und nach definierten Kriterien analysiert werden. Neben den Faktoren „Sicherheit", „Geschwindigkeit" und „Stabilität" müssen auch Themen wie „Deployment" oder „Rechtemanagement" in den Fokus der Betrachtung gerückt werden. Insbesondere der konkrete Bedarf hinsichtlich „Administrierbarkeit" und „Konfigurierbarkeit" ist relevant.

Fazit

Microsoft konnte für die Beta-Version des IE9 über 20 Millionen Downloads vermelden. Die finale Version des IE9 wurde nach Unternehmensangaben in den ersten 24 Stunden nach Veröffentlichung bereits über 2,4 Millionen Mal abgerufen. Ob Microsoft mit seiner neuesten Browser-Generation Marktanteile zurückgewinnen kann, wird die Zeit zeigen. Auch Google und Mozilla arbeiten intensiv an verbesserten Varianten und wollen sich an der zentralen Schnittstelle ins Internet festsetzen. Auch wenn diese Anbieter nachziehen: Microsoft hat die Anforderungen der Business-User und IT-Verantwortlichen bereits identifiziert und im IE9 umgesetzt. Der IE9 ist der Typ von Browser, der die aktuellen Bedürfnisse in Unternehmen adressiert. Dabei ist es egal, ob der einzelne Seitenaufruf hier und da einige Millisekunden schneller oder langsamer erfolgt. Im Endeffekt müssen die Businessanforderungen nachhaltig erfüllt, und dem Anwender eine passende Umgebung für sein Tagesgeschäft gegeben werden.

So oder so: Entscheider und IT-Verantwortliche in Unternehmen sollten sich zwingend strategisch mit dem Thema „Browser" auseinandersetzen. Der Einsatz von Web-Anwendungen oder Cloud-Lösungen bedingt einen modernen Browser. Neben den eigentlichen Funktionen sollten IT-Verantwortliche dabei insbesondere auch auf Managementfunktionen achten.

Posted by Axel Oppermann
Senior Advisor der Experton Group